Ad Deum, qui laetificat

Jeder, der wie ich in seinen jungen Jahren Ministrant gewesen ist, kennt die Bedeutung dieser lateinischen Worte. In der hl. Messe standen sie gleich am Anfang des Stufengebetes, das der Priester mit den Messdienern abwechselnd sprach, bevor das Konzil alles umkrempelte und das Stufengebet, die lateinische Sprache, Teile der Liturgie oder auch andere liebgewordene Gewohnheiten aus dem Gottesdienst verbannt wurden. Übersetzt aber heißt diese eingangs erwähnte Gebetszeile: "Zu Gott, der mich erfreut" - "juven tutem meam - von Jugend auf". Für einen zehnjährigen Bub war es gar nicht so einfach, diese lateinischen Gebete mit dem langen Confiteor und dem schwierigen Suscipiat auswendig zu lernen, doch der religiöse Eifer wurde immer stärker, dass es bald so weit war, im Ministrantenrock, mit weißem Chorhemd und rotem Kragen vor dem Hochaltar das Amt des Messdieners auszuüben, das schwere Messbuch von der einen Seite des Altares auf die andere zu tragen, bei der Opferung Wasser, Wein und Lavabotuch darzureichen und hin und wieder mit den Glöckchen zu läuten.

Bei den Ministranten bestand eine strenge Hierarchie, und man musste sich langsam empor dienen, bis man selbst einmal Oberministrant wurde, das Weihrauchfass schwingen oder oder zumindest das Schiffchen mit dem Weihrauch halten durfte. Während sich die neuen Messdiener beim Ministrieren erst einmal links vor dem Altar auf der Epistelseite bewähren mussten, gaben die alt gedienten Ministranten auf der Evangeliumsseite durch unauffällige Hand- und Kopfbewegungen verschiedene Zeichen zum gemeinsamen Aufstehen, zum Hinknien, zum paarweisen Abgang usw. Jeden Samstagnachmittag trafen sich die Ministranten mit dem Herrn Kaplan im Pfarrhof, um sich für die Gottesdienste der kommenden Woche einteilen zu lassen. Immerhin gab es damals an den Sonn- und Feirtagen noch fünf hl. Messen und während der Woche an jedem Werktag zwei Frühmessen, am Mittwoch für die Jugend eine Abendmesse, außerdem wurden Andachten und Rosenkränze abgehalten. Am Anfang war alles so neu und interessant, ja geradezu spaßig, wenn man sich beim Läuten mit dem Glockenseil in die Höhe ziehen ließ oder heimlich vom Weinkännchen nippte. Doch mit der Zeit wich meine Begeisterung einer gewissen Überdrüssigkeit. Was einmal freiwillig begonnen hatte, wurde immer mehr zur lästigen Pflicht, und ich erinnere mich gut an die Worte meiner Mutter, die zu mir gesagt hatte: "Bub, fang nicht damit an, dann hast du später keine Schwierigkeiten, damit aufzuhören."

Leider nahm meine Ministrantenlaufbahn, die so vielversprechend begonnen hatte, ein unrühmliches Ende. Wä hrend der hl. Wandlung, als es in der Kirche mucksmäuschen still war, entwich meinem Körper ein Darmwind, dessen langgezogener und lauter Ton überall in der Kirche deutlich vernommen wurde. Er löste bei den Ministranten Gelächter und bei den Kirchenbesuchern Missbilligung aus, worauf sich der Herr Pfarrer veranlasst sah, mich als den Übeltäter vom Altar zu verweisen. Schuldbeladen schlich ich in die Sakristei, wo mich der Mesner in Empfang nahm. Auf seine Frage hin, ob ich hinausgeschickt worden sei, nickte ich zerknirscht mit dem Kopf, und ohne nach dem Warum zu fragen erhielt ich von ihm eine gehörige Tracht Prügel, die letztendlich zur Folge hatte, dass ich lange Zeit nicht mehr gut auf die Kirche zu sprechen war.

Die lateinischen Stufengebete aber kann ich heute noch, nach fünfzig Jahren, allesamt hersagen.

Hans Lehrer