Altbayerische Sagen

Altbayerische Sagen Altbayerische Sagen sind in einem Büchlein mit Seltenheitswert niedergeschrieben worden, das mir der Wirth Hubert vom Almrausch-Stamm München für Archivzwecke überlassen hat. Alle diese Erzählungen sind an einen Ort oder zumindest eine Region unserer schönen Heimat gebunden und knüpfen oft an “historische” Ereignisse an. Immer spielen Zauberei, Wunder und Wesen aus dem Jenseits eine entscheidende Rolle, wenn es dabei auch weniger auf genaue historische Umrissenheit als vielmehr auf die Vorbildlichkeit ankommt.

Uralte Sagen von der Münchner Stadt nehmen darin einen breiten Raum ein, ebenso wie die Geschichten aus dem Oberland, dem Unterland und dem Bayerwald. Unholde, Geizhälse und Frevler kommen dabei nicht gut weg. So stand in Baierbrunn bei München einst eine Burg, in der ein grausamer Ritter namens Sachsenhäuser wohnte, der die Leute erschoss, wenn sie auf Flößen die Isar hinabfuhren, bis das “Birgweibl” den Belagerern den Rat gab, die Wasserleitung abzugraben, so das sich der Tyrann ergeben musste. Unweit Wolfratshausen stand auf dem Schlossberg ein von drei Fräulein bewohntes Schloss, in dem der Teufel mit der bösen Frau, die ihre zwei blinden Schwestern betrogen hatte, sein Unwesen trieb, bis das Schloss versank.

Vom Walchensee wiederum wird erzählt, dass ihn das Volk für unergründlich hielt und glaubte, er stände mit dem Meere in Verbindung. Von seinen Tiefen weiß die Sage Grausiges zu erzählen. Da liegt ringförmig, das ganze Becken ausspannend ein Riesenwaller mit rollenden Augen, so groß wie Feuerräder. Jahrtausende ruht dort das Ungetüm und hält den Schweif im Rachen. Wenn aber einst Unglaube und Gottlosigkeit überhand nehmen, so öffnet der Fisch den Rachen und schnellt den Schweif heraus. Von dem gewaltigen Schlage bersten die Uferwände des Kesselberges. Die ungeheuren Wassermassen wälzen sich wie eine zweite Sündflut hinab über das Land. Dann ist es um unser liebes Bayern und seine schöne Hauptstadt München geschehen. Eine andere Sage behauptet, dass Rosenheim seinen wohlriechenden Namen von den vielen Rosen erhalten habe, welche daselbst wild gewachsen seien und nach der Vertreibung der Römer einen “Rosenhain” bildeten, an den eine weiße Rose erinnert, welche die Stadt auf rotem Felde im Wappen führt.

Aus dem Kienberg bei Ruhpolding kamen in alter Zeit oft Bergmännlein. Die waren den Bauern freundlich gesinnt und zeigten ihnen im Gebirge ergiebige Bleigruben. Dafür bekamen sie von den Bauern warme Kotzen zur Winterkleidung. Das dauerte eine Reihe von Jahren, bis die Bauern der Geizteufel packte und daraufhin auch die Männlein verschwanden. Grausam ist die Sage vom König Watzmann, der weder Mensch noch Tier liebte und seine Freude an der wilden Jagd hatte, bis ihn und seine Familie die Strafe Gottes erreichte und die Frevler zu riesigen Felsen umwandelte.

Schlecht erging es den Leuten, die am Abhang des Kaisergebirges fruchtbare Almen mit zahlreichen Herden besaßen und Überfluss an Milch und Butter und Käse hatten. Sie missbrauchten Gottes Gabe, statt dafür zu danken, zu eitlem, frevelhaftem Spiele, erbauten eine Kegelstätte von lauter Käselaiben und formten Kegel aus Butter und schossen darauf mit Kugeln aus Brot. Da ergrimmte der Himmel und ein furchtbares Gewitter mit heftigen Regenströmen schwemmte von den Almen alles fruchtbare Erdreich hinweg. Die schauerliche Geschichte vom Wädlbauernhof in Stoffen bei Landsberg ist ebenso beschrieben, wie die Leutsage vom feurigen Reiter, einem Pandurenhauptmann, der auf Schloss Lichtenberg ein lasterhaftes Saufgelage abhielt und in einer Schlucht zermalmt wurde, als er dem Teufel nachjagte.

Im Chiemgau aber war einmal ein frommer und tapferer Rittersmann, der die schöne Gewohnheit hatte, bei jedem Kirchlein, das an der Straße lag, sein Ross anzubinden und einen Augenblick des Gebetes zu pflegen. Desgleichen ritt er niemals an einem Friedhof vorüber, ohne vom Pferd zu steigen, auf den Boden zu knien und fünf Vaterunser für die armen Seelen zu sprechen. Das segnete ihm unser Herrgott mit Gesundheit und gutem Glück. Als er aber eines Nachts auf einem Friedhof sein Gebet verrichtet hatte, stürzte sich eine Rotte verwegener Räuber auf ihn. Er sah sich schon verloren, als sich plötzlich die Gräber vor seinen Augen öffneten, Gerippe über Gerippe herausstiegen und sensenschwingend wie zur Schlacht einher schritten. Die Räuber fanden kaum Zeit, über die Mauer des Kirchhofes zu entrinnen. Unser treuer Rittersmann aber war gerettet.

Im Neuburger Wald steht ein verwittertes Marterl, das an ein Mädchen erinnert, das mit ihren zwei Brüdern von einem Fest, bei dem es hoch herging, heim wanderte. Der starke Regen hatte eine Pfütze über den Weg gelegt. Die Burschen stapften ungehindert durch das Wasser, die Dirn aber nahm in ihrem Mutwillen eine Semmel aus der Tasche, warf sie in die Mitte der Pfütze und wollte sie wie einen Stein zum Überspringen der Pfützebenützen. Kaum aber hatte sie ihren Fuß über das Brot gesetzt, versank sie in der seichten Pfütze und ward nie mehr zu sehen.

Sagen entstehen immer neu. Auch in den Zeiten von Playstation und Pokemons haben sie ihre Wirkung nicht verloren. Soll ich meinem Enkel erklären, wie ein ungeheurer Steinblock mitten in einen Wald oder auf ein Feld geraten ist, den kein Mensch dorthin gebracht haben kann, dann war es halt ein Riesenwurf. Und wenn ich weiter gefragt werde, weshalb der Riese den Wurf tat, so geschah es vielleicht, um jemanden zu bestrafen, der ihn beleidigt hatte. Wer weiß?

Hans Lehrer