Auf dem Brünnstein

Auf dem Brünnstein

Der "Brünnstoana-Stamm" München gedenkt alle fünf Jahre der Aufstellung seines Gipfelkreuzes mit einer eindrucksvollen Bergmesse. Das ist auch für mich jedes Mal ein willkommener Anlass, den Brünnsteingipfel an diesem Tag zu erklimmen; denn mit diesem Berg verbinden mich unvergessliche Kindheitserinnerungen.

Ich war gerade neun Jahre alt geworden, als ich im Juli 1951 mit meiner großen Schwester nach Oberaudorf fahren durfte, um auf den Brünnstein zu steigen. Nachdem wir in der Ortschaft Wall ein gutes Quartier für die Nacht gefunden hatten, machten wir uns frühmorgens auf den Weg zum Brünnstein. Es war ein herrlicher Sonntag. Da mich schon bald meine Halbschuhe drückten, lief ich bis zum Gipfel barfuß, wie ich es von daheim gewohnt war. Meine Schwester erzählte mir, dass die zahlreichen Bergquellen diesem Berg den Namen "Brünnstein" gegeben hätten. Nachdem wir das letzte Wegstück über waghalsige Klettersteige zurückgelegt hatten, erreichten wir den Gipfel mit seinem kleinen Bergkirchlein. Unser Blick glitt über das Kaisergebirge hinweg weit in die österreichische Bergwelt hinein. Von diesem ersten Bergerlebnis war ich tief beeindruckt und meine Begeisterung für das Bergsteigen war geweckt worden.

Daran denke ich, wenn ich heute mit den Brünnstoanern die heilige Messe feiere. Während meine Schwester damals am Abend den Almkirda auf dem Brünnsteinhaus miterlebte, schlief ich schon fest und zufrieden auf dem Matratzenlager unter dem Dach. Aufgeweckt wurde ich am Morgen durch heftige Regengeräusche, und auch der Abstieg erfolgte bei strömendem Regen. Wind und schlechtes Wetter machten mir jedoch nichts aus. Auf dem Hocheck durfte ich zum ersten Mal in meinem Leben mit dem Sessellift fahren. Beeindruckt war ich auch vom "Weber an der Wand" in Oberaudorf, einem Haus an der Felswand klebt, wie ein Schwalbennest. Auch so einen gewaltigen Fluss wie den Inn hatte ich nie zuvor gesehen. Mit einer Fähre setzten wir ans andere Ufer über, wobei ich froh war, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Noch heute bin ich meiner Schwester, für deren armen Seele ich bei der Bergmesse ein "Vaterunser " betete, dankbar, für die schönen, erlebnisreichen Tage damals in Obveaudorf und droben auf dem Brünnstein. Lang ist's her obwohl ich glaube, dass auf den Bergen die Zeit still steht.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 22.03.2003

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