Auf dem Jubiläumsgrat

Mit zu meinen schönsten Erlebnissen in diesem Sommer gehört eine rekordverdächtige Bergtour auf die Zugspitze. Dem Wetterbericht vertrauend fuhr ich schon um zwei Uhr in der Früh von daheim in Trudering weg und erreichte die kleine Ortschaft Hammersbach, am Fuße der Zugspitze gelegen, gegen halb fünf. Mit Hilfe einer Taschenlampe fand ich in der Finsternis den rechten Weg, gelange sicher durch die Höllentalklamm und kam bei der Höllentalangerhütte um fünf Uhr an. Ohne zu rasten begann ich mit dem Aufstieg zur Zugspitze. Wie bedrohliche Riesen türmten sich die Berge in der Dunkelheit vor mir auf, um beim erwachenden Sonnenlicht in eine gleißende Morgenröte getaucht zu werden. Majestätisch breitete sich Gottes gewaltige Schöpfung vor mir aus, die ich als einsamer Wanderer ehrfürchtig bestaunte. Kurz nach acht Uhr erreichte ich das Gipfelkreuz auf der Zugspitze, wo noch tiefster Frieden herrschte. Lange konnte es aber nicht mehr dauern, bis Hunderte von "Halbschuhalpinisten" mit den ersten Gondeln den Gipfel erstürmen und belagern würden. Um diesen Trubel auszukommen, setzte ich nach kurzer Rast meinen Weg über den fünf Kilometer langen Jubiläumsgrat fort, der bis zur Alpspitze reich. Dieser Kletterteig erfordert viel Kraft, an der es mir Gott sei Dank nicht fehlt. Schwindelfrei und trittsicher muss man schon sein, wenn man diese Kletterei unternehmen will. Ich blickte auf meine Uhr, wo es gerade neun war. Über mir wölbte sich ein seidenblauer Himmel. Kein Wölkchen war zu sehen. Um so mehr hatte man einen herrlichen Weitblick. Bis zu den grandiosen, schneebedeckten Gipfeln der Schweiz reichte die Fernsicht. Das Auge konnte sich nicht satt sehen. Trotzdem musste man genau aufpassen, wo man sich einhielt und hintrat. Der Gedanke, dass ich im früheren Leben eine Gams gewesen sein muss, scheint mir bei meiner Liebe zu den Bergen gar nicht so abwegig. Knappe sieben Stunden benötigte ich, um die zahlreichen Gipfel zwischen Zug- und Alpspitze zu überwinden. Den Hochblassen ließ ich rechts liegen und überquerte die Grießkar-Scharte. Mit Schaudern dachte ich daran, dass hier vor kurzem ein Bergsteiger abgestürzt war und den Tod fand. Waren es Leichtsinn oder schwindende Kräfte, die an seinem Unglück die Schuld trugen, ich weiß es nicht. Das letzte Wegstück,. hinauf zur Alpspitze, schenkte ich mir und begann mit dem Abstieg über das Mathaisenkar; ganz schön anstrengend, zum Schluss im Geröll einen sicheren Tritt zu finden. AmSpätnachmittag, so etwa um fünf Uhr, kam ich wieder an der Höllentalangerhütte an. Eine frische Radlermaß ließ mich für das letzte Wegstück, das noch vor mir lag, wieder neue Kräfte schöpfen. Bevor ich abends gegen halb acht ins Auto einstieg, schaute ich nochmals hinauf zu Deutschlands nicht nur höchstem, vielleicht auch schönstem Berg, dem Zugspitzmassiv. Ich dankte meinem Schutzengel, dass er mich wohlbehalten wieder zurückgeleitet hatte. Es war schon neun Uhr, als ich zu Hause ankam. Arg taten sie weh, meine Füße, die eine fünfzehn Stunden lange reine Gehzeit aushalten mussten. Ein Gefühl der Zufriedenheit und Dankbarkeit über dieses herrliche Bergerlebnis nahm ich hinüber, in einen festen, gesunden Schlaf.

Hans Lehrer