Bahnlinie München - Rosenheim

Am 16. Mai 1868 unterzeichnete König Ludwig II. auf Schloss Berg die Aufnahme eines Staatskredits von 4 Millionen Gulden “für die Herstellung einer Ergänzungsbahn von Rosenheim über Kirchseeon nach München”. Noch im selben Jahr begannen die Bauarbeiten und am 15. März 1871 konnte die vorerst nur eingleisige Strecke eröffnet werden. Zunächst verkehrte nur ein Früh- und Abendzug in beiden Richtungen. Neben den Bahnhöfen entstanden Bahnhofswirtschaften, und ein gewisser Pendlerverkehr nach München entwickelte sich. Auch Trudering, wo ich daheim bin, wurde Bahnstation. Die Bahnlinie verlief mitten durch die Fluren zwischen Straß- und Kirchtrudering und bewirkte eine Trennung beider Ortsteile, die nur mehr durch zwei Bahnübergänge künftig erreichbar waren. Andererseits belebte die Bahn auch das ganze Dorf. Sie verband unser Gebiet mit dem Brenner und Italien und über Wien und dem Semmering mit dem österreichischen Mittelmeerhafen Triest. Durch Trudering führte die bedeutendste Schienenverbindung nach Südost-Europa.

In einem bäuerlichen Schwank “Erster Klasse” ließ Ludwig Thoma den Zugschaffner auch die Station “Trudering” ausrufen und man hörte die Leute singen:

“Mir san ma Leut
Mir ham a Schneid
Mir ham a Geld
Drum san ma gestellt.
Ring’ ham ma aa an de Finga,
Drum san ma de lustigen Tuderinga!”

Um die Bahnlinie rankten sich mit der Zeit zahlreiche Anekdoten und Begebenheiten. Eine davon handelte vom Mussolini und dem Hansl vom Peiferpeter. Als der Duce mit dem Zug aus Italien durchfuhr, liefen die Truderinger zum Bahndamm, um ihm zuzuwinken, wobei der kleine Hansl die bedeutsame Frage stellte, ob jetzt der Mussolini von der einen oder aus der andere Richtung käme. Ein anderes Mal waren unsere Ziegen beim Abweiden der Eisenbahndämme bis auf die Geleise vorgedrungen und hätten beinahe einen Schnellzug an der Durchfahrt gehindert. Im Verlauf des zweiten Weltkrieges geriet die Bahnlinie München-Rosenheim mehrmals in den Wirkungsbereich der alliierten Luftangriffe.

Es gab auch tödliche Unfälle. So endete das Leben des Stolznbauern auf tragische Weise. Max Oberhuber schlüpfte am 23.11.1938 durch die geschlossene Bahnschranke. Er übersah bei dem herrschenden stürmischen Wetter den Gegenzug und wurde tödlich überfahren. Dreimal warfen sich Frauen aus Kirchtrudering in selbstmörderischer Absicht vor den Zug und waren auf der Stelle tot.

Bei ihrer täglichen Fahrt in die Stadt lernten sich die jungen Leute im Zug bald besser kennen. Es entwickelte sich gar manche Freundschaft oder sogar Zuneigung, aus der oft mehr wurde.

Meistens endete die Bahnfahrt am Ostbahnhof, wo die Landbevölkerung in die Straßenbahn umstieg und der Linie 1 eine ländliche Duftnote verlieh.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 22.05.2003

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