Der alte Barometer

Bei uns zu Hause an der Wand hängt ein alter Barometer, in einem schönen, holzgeschnitzten Rahmen, den ich in Ehren halte, obwohl ich ihn eigentlich sehr selten als Wetterpropheten zu Rate ziehe. Mein Onkel brachte ihn einst aus Erding von der kgl. Landwirtschaftlichen Kreis-Winterschule mit heim, die er 1904/1905 als Sechzehnjähriger besuchte. Jahrzehntelang hatte dieser Barometer seinen Platz auf dem Bauernhof in der ebenerdigen Kammer gleich neben der Kuchl. Wie oft hörte ich den Onkel sagen, der Barometer sei gestiegen oder schon wieder gefallen, nachdem er jedes Mal vorher behutsam gegen die Glaseinfassung geklopft hatte. Sogar der Pfeiferpeter Schorsch vom Nachbarn kam des öfteren herüber, um zu fragen, wie der Barometer stünde und ob man dem Wetter trauen könne. Dementsprechend wurden die Arbeiten eingeteilt, besonders während der Erntezeit, wo der Bauer auf das gute Wetter angewiesen ist. Wie froh war man da jedes Mal, wenn auch das letzte Fuder noch vor dem Regen trocken in den Stadel kam, wobei es auch den Rössern zu pressieren schien.

Radio gab es keinen auf dem Hof und zum Zeitungslesen, wo man vielleicht auch etwas über das Wetter hätte erfahren können, hatte man keine Zeit. Dafür wurde immer wieder ein kritischer Blick auf den Barometer geworfen. Je weiter die Nadel nach links wanderte, desto schlechter wurden die Wetteraussichten. Mit Regen und Wind musste dann gerechnet werden. Gefährlich wurde es, wenn der Barometer auf Sturm zeigte, wie im täglichen Leben halt auch. Da war es schon besser, wenn die Nadel über “Veränderlich” nach rechts in die Schönwetterzone gelangte und bei der Markierung “Beständig” eine Weile stehen blieb. Hie und da kam es aber auch vor, dass der Onkel über das Wetter fluchte und den Barometer am liebsten in die hinterste Ecke geschmissen hätte. Die Tante sagte dann jedes Mal, er solle sich nicht versündigen, bis auch er sich wieder darauf besann, dass schließlich der heilige Petrus, wenn nicht gar der Herrgott selbst, die eigentlichen Wettermacher sind, die alles durchaus zum Wohle der Menschen bestimmen.

Der Barometer stammte übrigens aus der Werkstatt von Oscar Bir, einem alteingesessenen Münchner Geschäft am Frauenplatz unmittelbar neben dem Dom. Längst ist dieser Laden verschwunden. Den Barometer jedoch, ein altes Stück echter Präzisionsarbeit, gibt es immer noch.

Hans Lehrer