Bayerischer Rundfunk

Mit zwölf Jahren entdeckte ich endgültig meinen Hang zum Künstlerischen, zog meinen Firmanzug an, aus dem ich schon fast herausgewachsen war, schmierte mir Brillantine ins Haar, fuhr mit der Straßenbahn in die Stadt und fragte mich nach dem Rundfunkgebäude durch. Dem Pförtner erzählte ich, dass ich gerne zur "Tante Erika" möchte, deren Namen mir aus den Kindersendungen her bekannt war. Ich wurde tatsächlich in ein Büro geführt, dessen Türschild, auf dem "Paul Alverdes" stand, ich beim Hineingehen gerade noch lesen konnte. Drinnen brachte ich mein Anliegen, dass ich gerne zum Rundfunk möchte, vor und war dabei weder schüchtern noch recht aufgeregt. Bald darauf erhielt ich eine Einladung zum Vorsprechen, und ich zweifelte überhaupt nicht mehr an meinem Talent, wo ich doch aus dem Lesebuch fehlerfrei und mit kräftiger Stimme vorlesen konnte und im Singen eine Zwei hatte. Trotzdem war mir seltsam zumute, als ich das Tonstudio betrat, in dem die Probeaufnahmen gemacht werden sollten. Nach meinem Repertoire befragt, ein Fremdwort, dessen Bedeutung mir erst ausgedeutscht werden musste, sagte ich, dass ich die Elfie Pertramer in ihrer Glanzrolle als "Sexbombe von der Stoapfalz", die mir aus der "Weißblauen Drehorgel" her bekannt war, gut nachmachen könne und brachte die Leute damit zum Schmunzeln. Mit dem nächsten Stück vom Weiß Ferdl "Ein Wagen von der Linie 8" und Goethes dramatischem Gedicht "Der Erlkönig" sammelte ich eindeutig Pluspunkte und bedankte mich für den Beifall, indem ich Vico Torrianis "Adio Donna Gracia" ins Mikrofon schmetterte und als Zugabe auch noch das "Alte Haus von Rocky Docky" mit möglichst tiefer Stimme sang.

Leider erhielt ich später in den verschiedenen Kinder- und Schulfunksendungen, wo ich mitwirkte, nie eine Hauptrolle sondern nur kleine Nebenrollen, mit denen ich den Durchbruch nicht schaffte, dafür aber jedes Mal fünf Mark bekam, die ich in die Sparbüchse steckte. Später vernachlässigte ich meinen Wunsch, als darstellender Künstler berühmt zu werden und nutzte lieber die Bühne des Lebens, auf der schauspielerisches Talent ebenso gefragt ist.

Hans Lehrer