Begegnung mit dem Tod

Viele Menschen versuchen den Tod zu verdrängen. Sie wollen einfach nicht daran erinnert werden, dass ihr Körper wieder zu Staub wird und ihre Seele einer ungewissen Zukunft entgegengeht. Tod bedeutet für die meisten von ihnen nicht Erlösung sondern Schmerz. Und wer möchte schon gerne leiden? Doch bis jetzt ist keiner auf dieser Welt übrig geblieben und zurückgekommen ist auch noch niemand.

Ich versuche mich zu erinnern, wann ich zum ersten Mal auf den Friedhof mitgenommen wurde. Begriff ich damals eigentlich schon, wer sich in den liebevoll geschmückten Gräbern befand? Die Schrift auf den Grabsteinen konnte ich noch nicht lesen. Sicher fragte ich nach der Bedeutung dieser Gräber, aber mit der Antwort, dass hier die verstorbenen Menschen drin lägen, konnte ich zunächst nichts anfangen. Erst viel später wurde mir bewusst, dass wir alle nur “Gast auf Erden” sind und ohne Ruh’ wandern müssen, mit mancherlei Beschwerden, hin zur ewigen Heimat.

An jenen Allerheiligentag aber, wo das Wetter nasskalt war und die Menschen trotzdem in großen Scharen auf den Friedhof strömten, wo auch ich mit meinen beiden Tanten am Nachmittag das Familiengrab der Groß- und Urgroßeltern besuchen durfte, werde ich immer denken müssen. Ich betrat das Leichenhaus und sah dort zum ersten Mal im Leben einen toten Menschen mit starrem Gesicht und geschlossenen Augen aufgebahrt im Sarg liegen. Es war der Jonasbauer von Straßtrudering, der mit 68 Jahren das Zeitliche gesegnet hatte und jetzt im Fegfeuer auf die ewige Ruhe wartete, um die er beim Herrgott selbst nicht mehr bitten konnte. "Möge ihm das ewige Licht leuchten ...", beteten die Angehörigen und Freunde im Hintergrund für sein Seelenheil, dass ihn Gott in Frieden ruhen lasse. "Er schläft nur!", sagte tröstend die Tante aus dem Kindergarten, die hinter mir stand. Alle, die den Leichnam noch einmal sehen wollten, hatten warme Mäntel an, um nicht zu frieren. Der Tote aber war nur mit einem leichten, schwarzen Anzug bekleidet. “Ist ihm nicht kalt?”, flüsterte ich mitleidsvoll, und jemand schüttelte traurig den Kopf. Ich aber konnte dieses Erlebnis nicht “verdauen” und bekam es regelrecht mit der Angst zu tun, einer Angst, für die es keine rechte Erklärung gab und in der ich mich allein gelassen fühlte. Doch es war die Angst vor dem Tod, die ich damals zum ersten Mal verspürte und die mich auch heute noch, als alten Mann quält. An jenem Abend schmeckte mir kein Essen mehr, und ich musste ständig an den Toten, der jetzt allein, in einer Holztruhe dort lag, denken. Später machte ich um jede Leichenhalle einen großen Bogen, wendete meinen Blick ab, wenn ich ein Leichenauto sah und mied es, auf Beerdigungen zu gehen.

Umso mehr muss man dem Herrgott dankbar sein, wenn man bis ins hohe Alter hinein ein Leben lang Zeit hat, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, immer besser versteht ihn geduldig hinzunehmen und nicht unvorbereitet den letzten Weg ins "Vaterhaus" antreten zu müssen. Ich empfinde es als größte Gnade, wenn man lernt, loszulassen, sich nach der göttlichen Geborgenheit zu sehnen beginnt und vor dem Tod keine Angst mehr hat.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 17.04.2003

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