Beim Einkaufen

Früher, als vieles ganz anders war, gab es auch noch keine Supermärkte. Fast jeden Tag schickte mich meine Mutter zum Krämer, um das "tägliche Brot" mit allem, was so dazu gehörte, einzukaufen. Damit ich mir die Sachen leichter merken konnte, schrieb sie alles auf einen Zettel, noch in deutscher Schrift, die ich bald genauso gut lesen konnte, wie die lateinische.

"MILCH UND LEBENSMITTEL" stand über der Ladentüre, die beim Öffnen mit ihrer Oberkante eine Glocke streifte, welche schrill bimmelte. Mein Blick fiel sofort auf ein Schild, das gut sichtbar neben dem Eingang angebracht war. Darauf stand, dass das Mitbringen von Hunden, das Berühren der Nahrungsmittel und das Ausspucken auf den Boden polizeilich verboten sei. Hinter dem Ladentisch stand die stämmig Frau Saumweber, die mit Vornamen nicht etwa "Emma" sondern Hedwig hieß. "Wia vei;" fragte sie mich jedes Mal, wenn ich ihr den Milchkübel hinüber reichte, in den sie dann mit einer Gatze zwei Liter schäumende Milch einfällte. Wenn wir uns auch sonst nichts leisten konnten, gehörte zum "täglichen Brot" dennoch stets eine Schachtel "Salem Nr. 6" für den Vater, der auf seinen Rauch keinesfalls verzichten wollte. Ich überredete Mutter, bei der Margarine anstatt der Sanella oder Resi Schmelz lieber die Zibella zu kaufen; denn hier gab es die Bilderserie "Unser schönes Oberbayern", die ich damals gerade mit großer Begeisterung sammelte. Viele Lebensmittel waren nicht abgepackt. Für das Salatöl, den Essig oder das Petroleum brachte man eine Flasche mit. Bratheringe wurden aus einer hohen Blechdose verkauft. Wichtig war beim Kauf die Zugabe von viel Soße. Da konnte der Fisch noch einmal richtig in der mitgebrachten Schüssel schwimmen. Beim Sauerkraut oder der Marmelade wurde zuerst die leere Schüssel abgewogen, und ich wusste bald schon mit den Begriffen wie "Brutto, Tara und Netto" umzugehen. Zucker, Salz, Mehl, Grieß, Teigwaren ... stand auf den Schubfächern, in denen überall eine Schaufel steckte, mit der die gewünschte Menge in Papiertüten abgefüllt und gewogen wurde. Ein paar Tafeln Schokolade im Glasaufsatz, Pfefferminzkugeln, Eisgutl und Kokosflocken in den bauchigen Gläsern ließen mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Wenn ich zum Metzger Jais geschickt wurde, standen auf dem Einkaufszettel wichtige Bemerkungen, auf die ich zu achten hatte. "Rindfleisch schön zart", "Wammerl nicht zu fett ... !" Sagte ich aber, dass wir keine Knochen mögen, deutete der Metzger auf einen Spruch an der Wand, den ich mir einprägte:

"Rinder, Schafe, Kälber, Schweine
haben Knochen und Gebeine,
darum muss beim Fleischverwiegen
jeder ein Stück Knochen kriegen!"

Als besondere Ausnahme wurde am Samstagabend für jeden von uns eine Stockwurst warm gemacht, die wir mit großem Appetit verspeisten, wenn im Radio um diese Zeit ein schönes bayerisches Programm gesendet wurde und die Badewanne aus der Küche bereits wieder aufgeräumt war. Noch sparsamer soll es in der Kindheit meines Vaters zugegangen sein, der davon erzählte, dass er sich mit seinen vier Geschwistern eine einzige Stockwurst teilen musste.

Mutter ärgerte sich, wenn die Metzgerin zuviel herunterschnitt, um dann ganz scheinheilig zu fragen ob es auch mehr sein dürfe. Dann nämlich langte das Geld nicht, das ich abgezählt, in einem Stück Papier eingewickelt, von daheim mitbekommen hatte und dessen fehlender Betrag im Schuldenheft angeschrieben wurde. Am liebsten waren mir die Geschäfte, in denen wir Kinder eine Kleinigkeit kriegten, sei es ein Radl Wurst, einen Wurstzipfel oder ein Himbeergutl, wofür wir gerne "dank scheen" sagten. Schlimm war es, wenn ich das Geld verloren hatte oder die Milch ausschüttete und mit dem leeren Kübel ganz zerknirscht an der Haustür stand. Schuld daran war ein misslungener Versuch, die Fliehkraft der Milch im Kübel, den ich in der Luft kreisen ließ, auszuprobieren. Das rohe Sauerkraut schmeckte so gut, dass ich beim Heimtragen manchmal schon die Hälfte aufgegessen hatte und ein zweites Mal gehen musste. Mutter ermahnte mich zuweilen, nichts von daheim zu erzählen, wenn mich neugierige Frauen ausfratscheln wollten. Andererseits brachte ich Neuigkeiten mit, die ich im Laden aufgeschnappt hatte.

Einmal wurden wir Kinder sogar für die Werbung eingespannt, als ein Stelzenmann vor dem Lebensmittelgeschäft uns auffordert, ganz laut zu schreien: "Von München bis Berlin, putzt alles mit Nigrin!" Damit war eine Schuhcreme gemeint, die wir Barfüßler sicher nicht brauchten, als wir eine kleine Dose zur Belohnung geschenkt bekamen.

Die meisten kleinen Geschäfte sind heute verschwunden, bis auf den Bäcker Bauer vielleicht, wo es noch immer das gute Hausbrot gibt. Hier scheint auch nach fünfzig Jahren die Zeit stillgestanden zu sein. Bis auf die Besitzer hat sich nichts verändert. Sogar die Ladeneinrichtung ist noch wie früher, und die Leute gehen gerne hinein, weil sie freundlich bedient werden und alles ein paar Pfennige billiger ist.

Hans Lehrer