Bettelarm

Martini war jedes Mal der Schlenkeltag für die Hirten. Die Bauern von Jebertshausen in der Holledau kamen mit ihren Fuhrwerken, und die Eltern des Pauli, die den Hirtenstab wieder in die Hand nehmen mussten, luden ihre Habseligkeiten auf und dahin ging's. Damals, anno 1876, hatte es auf Martini schon Schnee. Trotzdem folgte ein gelinder Winter. Beim Viehaustrieb, frühzeitig am Morgen, musste der zehnjährige Pauli immer mit anpacken, bevor er sich in die Schule nach Gebrontshausen aufmachte, die eine kleine halbe Wegstunde entfernt lag. Ein Stück Brot für die Schultasche war sein ganzes Mittagessen. Reichte es nicht, musste sich der Bub noch etwas dazubetteln. Oft war gar kein Brot zum Mitnehmen vorhanden. Die Familie hatte damals schon sechs Kinder. Drei gingen bereits in die Schule. Wie sollte die Mutter da einem jeden etwas mitgeben? Nach dem Unterricht um zwei Uhr pressierte es. Kaum, dass er schnell etwas gegessen hatte, musste der Pauli wieder aufs Feld hinaus, um dem Vater zu helfen. Es war für ihn oft eine Härte, bei schlechtestem Wetter draußen zu stehen, durch und durch nass und ganz erfroren. Andere Kinder saßen derweil daheim im Trockenen, hatten womöglich etwas Warmes zu essen, während der kleine Pauli auf dem Feld draußen all dies entbehren musste. Da tat anschließend eine warme Stube gut. Für den Vater aber war es gar nicht so einfach, nebenbei noch genügend Holz heimzubringen. Oft schindete er sich mit dem Schubkarren ab, besonders wenn die Wege schlecht waren. Währenddessen kümmerte sich die Mutter mit den Kindern, die schon zur Arbeit taugten, um die Viehherde.

Am Abend, wenn die Familie zu Hause war, gingen die Kinder oft zum Feichtpetern hinüber in die Visit. Diese hatten auch drei Kinder, einen Buben und zwei Mädel, allerdings schon zwei, drei Jahre älter. Die Alten waren kreuzbrave Leut', und die Kinder mochten gern beisammen sein. Hie und da gab es ein Stück Brot oder gar eine Schuxen (Küchel). Dafür trugen die Buben das Holz herein oder schöpften einen Grand Wasser. Auch gab es allerhand lustige Spiele, z.B. Mühlfahren, Kartenspielen, Schneider, Schneider leih mir die Scher, blinde Katzen fangen (Blinde Kuh) oder Stockschlagen. Der alte Feichtpeter lag auf der Lodern und schaute den Kindern vergnügt zu. Die Lodern, das war ein Brett, ungefähr 60-65 cm unterm Plafon, das an der Seitenwand an zwei Stützen angebracht war. Dort oben war es schön warm im Winter und dem Bauern oder dem Knecht abends ihr Lieblingslager. Natürlich hatte der Bauer das Vorrecht. Die Kinder verbrachten vergnügliche Stunden. Gerade lustig wars, und niemand wollte ans Heimgehen denken. Gut, dass die Kinder nicht erkannten, in welchem Elend sie daheim lebten. Sie wussten es ja nicht anders.

Auch dieses Jahr ging vorüber. Martini stand vor der Tür und somit war es Zeit zum Schlenkeln. Erneut kamen die Bauern mit ihren Pferden und Wagen angefahren, luden die ganzen Sachen auf, und bis gegen Abend waren alle auf ihrer neuen Hüt (Platz). Die Ortschaft hieß dieses Mal Uttenhofen. Ein paar Tage später, am 13.11.1877 kam der Albert, das jüngste Kind auf die Welt, und die Not wurde nochmals um einen Mann stärker. Es waren ihrer jetzt sieben Kinder. Was konnte man ohne Geld und Hilfe anfangen? Es lässt sich denken, was das für ein jämmerliches Leben war. Dem Pauli, als ältesten, blieb immer der Löwenanteil an der Arbeit, aber auch im Betteln. Doch die Arbeit kränkte den Buben nicht so sehr, wie der Bettel. Der Jahresverdienst des Vaters betrug acht Scheffel Roggen. Das reichte für neun Personen bei weitem nicht aus. Der Hirte durfte nicht gleich kommen um Getreide einzubringen, weil noch nichts verdient war. Allerdings gab es in dieser Ortschaft recht "christliche Leute", zum Beispiel unter den Bauern, wo die Milch für das kleine Kind geholt wurde. Jedes Mal hatte die Bäuerin einen richtigen Guss Weihwasser aus dem Weihwasserkrügel in die Milch hineingeschüttet, damit die Kühe nicht verhext werden, wie sie sagte.

Auch die Behausung, das Hirtenhaus, war klein und schlecht. Jahraus, jahrein rauchte es drinnen, weil halt alles so "lumpig" war. Im Winter gab es nie eine warme Stube. Wegen des Rauches mussten ständig Fenster und Türen aufgerissen werden, wollte man nicht ersticken. Außerdem hatten dort auch die Gemeindearmen ihr Quartier.

Eine weitere Station ihres Wanderdaseins war Förnbach bei Pfaffenhofen a. d. Ilm. Dort gab es wenigstens genug Arbeit und dementsprechend ein besseres Einkommen für die Hirten. Neben Schafen, Schweinen und Geißen, gab es im Sommer Kühe und auch sehr viele Gänse zum Hüten. Die Kinder waren ebenfalls voll beschäftigt. Während des kalten Winters 1878/79 waren der Vater und der Pauli ständig mit dem Schlitten unterwegs, um Holz herbeizuschaffen. Die Mutter und die anderen Geschwister versorgten in der Zwischenzeit die Herde. Das Holz, das sie jeden Tag heimbrachten, wurde noch am selben Tag verheizt; denn der Ofen im Hüterhaus fraß viel und taugte überhaupt nichts.

Etwa zehn Jahre später zog die Familie von Mainburg nach München. Der Pauli aber war niemand anderer als mein Großvater Paul Trinkl, vor dem ich großen Respekt habe. Sich stets seiner erbärmlichen Kindheit erinnernd, hat er es durch Fleiß und Sparsamkeit später noch zu etwas gebracht.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 09.02.2003

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