Bittere Kindheit

Mein Großvater Johann Trinkl
Mein Großvater Johann Trinkl

In einer Schublade unserer alten Kommode stieß ich schon vor längerer Zeit auf einen Stoß vergilbter Blätter, auf denen mein Großvater seine Kindheitserinnerungen niedergeschrieben hat. Seither lese ich hin und wieder die eine oder andere Begebenheit und bin jedes Mal tief beeindruckt, wenn er von der Armut schreibt, in der er groß geworden ist. Was die Sparsamkeit anbelangt, so wurde mir mein Großvater immer als nachahmenswertes Vorbild hingestellt, und ich konnte den Verdacht nicht loswerden, dass mein Großvater, den ich nicht mehr kannte, ein Geizhals gewesen sein muss. Jetzt aber, wo ich seine Kindheitserlebnisse kenne, weiß ich, dass ihn die, am eigenen Leib verspürte Armut, Zeit seines Lebens zur Sparsamkeit erzog, die wirklich nichts mit Geiz zu tun hatte.

Doch nun möchte ich meinen Großvater zu Wort kommen lassen: "Ich bin geboren am 24. Oktober 1866 zu Mainburg in Niederbayern als Kind der Zimmermannseheleute Johann und Anna Trinkl, ich heiße Paul. In unserem kleinen Häuschen, am unteren Ausgang des Marktes, war die Not zur rechten Zeit eingekehrt. Als ich zum Denken anfing, waren wir schon vier Kinder, und sehr oft kam es vor, dass mein Vater keine Arbeit hatte und nichts verdiente. Es war kein Geld im Haus und kein Brot im Schubladen. Schon mit fünf Jahren musste ich mit meiner Mutter in den Bettel gehen um etliche Stücklein Brot nach Hause zu bringen. Im Jahre 1872 kam ich in die Schule. Mein erster Lehrer war Herr Lehrer Wendler. Während meiner ganzen Schulzeit hatte ich viele Schullehrer. Wir Kinder wuchsen heran, brauchten immer mehr Essen, Kleidung, Wäsche, Betten und Schuhe. Schon kam die Zeit, dass ich und meine um ein Jahr jüngere Schwester Katharina alleinig in den Bettel gehen mussten und zwar zweimal in der Woche während der schulfreien Zeit, am Mittwoch- und Samstagnachmittag. Oft gab es für meinen Vater im Sommer in der Zimmerei kaum Arbeit, weil wenig oder gar nichts gebaut wurde. Manchmal verdiente er sich ein paar Geldstückl beim Holzhauen oder beim Teuchelbohren für die Wasserleitung; denn zur selben Zeit bestand die Wasserleitung aus Holz, ebenso alle Brunnen. Im Winter, wo auch ich zur rechten Zeit dazuhelfen musste, bekam er fürs Besenbinden 70 kr (Kreuzer) für ein Dutzend Besen, und man musste großes Glück haben, wenn man sie verkaufen konnte. Man spricht heute von den guten, alten Zeiten. Ja, gut waren die Zeiten schon, für den, der etwas hatte. Nicht lange dauerte es, dann mussten meine Eltern vor lauter Schulden ihr Haus verlassen und in Logiehäusern wohnen. Es gab damals keine Arbeitslosenunterstützung wie heute, nicht einen einzigen Pfennig. Man hatte im Grunde nur das, was man sich erbettelte. An einem schulfreien Tag im Frühling ging ich mit meiner Schwester die Mühlen aufwärts und weiter nach Aufhausen, um etliche Stückerl Brot nach Hause zu bringen. Wie immer, war es eine schwere Aufgabe für mich; denn meine Schwester war sehr furchtsam und ängstlich. Sie fürchtete sich vor jedem Hund, ob groß oder klein oder vor den Gänsen. Jedes Mal klammerte sie sich an mich, so dass ich keinen Schritt vorwärts kommen konnte. An diesem schönen Frühlingstag, wo wir, wie gesagt, beide zu den Mühlen unterwegs waren, beehrten wir eine nach der anderen mit einem "Vaterunser". Wir gingen zu zweit, weil zwei "Vaterunser" jedes Mal zwei Stückchen Brot ergaben. Oft musste man über Stiegerl und Stege gehen. Oben bei der Grabmühle führte ein sehr schmaler Steg, der nur aus zwei vom Zimmermann gehackten Hölzern bestand, über die Abens, so heißt dieses Wasser. Das Geländer war so hoch, dass wir zwei kleinen Knirpse es nicht mit den Händen erreichen konnten. Tritt für Tritt, einander die Hände reichend, wollten wir hinüber. Meine Schwester zitterte am ganzen Leib. Ich war sechs, meine Schwester fünf Jahre alt. Die Hälfte vom Steg war mühsam zurückgelegt, da kam das Unglück. Meine Schwester fiel mir in das Wasser, etwas außerhalb des Mühlschusses, dort, wo das Wasser noch sehr stark strömte. Wie vom Schutzengel ward sie hochgehalten und schwamm schon, vom Wasser fortgetrieben, dahin. Auf's tiefste erschrocken, kroch ich mit meinem Körbchen und etlichen Stückchen Brot den Rest des Steges hinüber und eilte in die Mühle um Hilfe. Ich weinte und schrie, was ich aus mir herausbrachte und teilte der Müllerin mein großes Unglück mit. Schnell kam die Müllerin mit zwei Müllerburschen und sie liefen meinem Schwesterchen nach, welches schon nahe am Ertrinken war. Sie stürzten sich ins Wasser, befreiten die Unglückliche vom Tode des Ertrinkens und brachten sie in die warme Müllerstube. Die gutherzige Müllerin zog ihr die Kleider aus, trocknete dieselben und gab ihr etwas warme Milch zum Trinken. Gar bald haben wir uns von dem Schrecken erholt, und trockenen Fußes gingen wir noch nach Aufhausen. Dort waren etliche Bauernhöfe, die wir aufsuchten, um trotz des Unglücks unsere Stückzahl an Brot nach Hause zu bringen. Als wir spät abends heimkamen und es der Mutter erzählten, war diese über das Geschehen ganz bestürzt. Sie warnte uns eindringlich für die Zukunft, sobald sie den ersten Schrecken überwunden hatte."

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 07.02.2003

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