Böser Blick

Strahlende Augen, leuchtende Blicke, heller Glanz beruhen auf dem Glauben, dass diese Merkmale durch ein im Augeninnern glimmendes Feuer verursacht werden, das aus der Pupille hervorleuchtet. So soll es Menschen geben, deren Augen bei vollständiger Dunkelheit leuchten und die dieses Licht als Laterne zu benutzen pflegen oder sogar zum Feueranzünden verwenden. Mit dieser Lichtausstrahlung des Auges ist manchmal auch eine übernatürliche Sehfähigkeit verbunden. Wenn man sich die Augen scharfsichtiger Vögel einverleibt, erhält man die gute Sehkraft dieser Tiere. Darum verzehren die Papua in Britisch Neuguinea die Augen eines Falken. Dasselbe wird erreicht, wenn man Teile von scharfsichtigen Tieren bei sich trägt. In Bayern und Tirol steckt man sich deshalb den Adlerflaum an den Hut.

Neben einer übernatürlich gesteigerten Sehfähigkeit tritt andererseits die Zauberkraft des Auges nach außen und wirkt auf Menschen und Gegenstände gleichermaßen ein. Das kommt in abgeschwächter Form schon in dem scharfen, stechenden Blick zur Geltung, der hypnotisierend sein kann und auf sein Gegenüber sogar eine radioaktive Wirkung ausübt. Lähmende Blicke gehen vom Auge der Schlange aus und die Augen eines Haifisches widerspiegeln seine Gefährlichkeit.

Es gibt aber auch Menschen, deren Seele durch irgendeine böse Eigenschaft, wie Zorn, Eifersucht, Neid und dergleichen behaftet ist und dadurch so viel Macht besitzen, durch ihren Blick Böses zu bewirken. Namentlich ist es der Neid, der sich über die Seele auf die Augenstrahlen auswirkt, so dass der böse Blick entsteh, den man auch den “neidischen Blick” nennt. Besonders verdächtig sind Menschen, die schielen, einen Fleck auf dem Auge haben, deren Augenlider rot und entzündet sind, die einäugig sind, zitternde Augen haben, deren Augenfarbe und Pupille ungewöhnlich sind oder deren Augenbrauen buschig oder zusammengewachsen sind. Während die bösen Blicke bei den Menschen Kopfweh, verdorbene Mägen, Krämpfe, Ohnmacht, Impotenz und Unfruchtbarkeit u. dgl. verursachen können, verlieren Milchkühe ihre Milch, werden Pferde scheu und sind nicht von der Stelle zu bringen. Dieser Aberglaube ist so alt wie das Menschengeschlecht und findet sich - abgesehen von einigen scheinbaren Ausnahmen - bei allen Völkern auf der Erde.

Mehr über den bösen Blick habe ich auf meinen Reisen in den Orient erfahren, wo Fantasie und Einbildungskraft bei den Menschen besonders stark verwurzelt sind. “Nazar” heißt der böse Blick auf türkisch und es gibt zu seiner Abwehr unzählige Mittel. Eine blaue Glasperle bindet der Muslim seinem Pferd an die Mähne als gutes Auge, das dem bösen Auge seinen Zudrang wehrt. Aber auch grüne Amulettsteine halten den bösen Blick fern. Jede Bewunderung ist nach allgemeiner Volksansicht letztendlich nichts anderes als der Ausdruck des Neides. Um ein solches Gefühl erst gar nicht aufkommen zu lassen, scheuen sich selbst aufgeklärte Leute hier bei uns nicht, beim Lob oder der Bewunderung für einen Menschen dreimal unter den Tisch zu klopfen und ihr “Unberufen” oder “Unbeschrieen” auszusprechen, was dem türkischen “Maschallah” entspricht.

Eins der natürlichsten und einfachsten Mittel, dem bösen Blicke von Menschen und Geistern zu entgehen, besteht darin, dass man den Kopf wegdreht oder dem verdächtigen Wesen den Rücken zeigt. Ebenso sicher ist es, das Gesicht mit der Hand zu bedecken, den Kopf in ein Tuch oder einen Schleier einzuhüllen oder die Augen zu schließen. Kein Wunder also, wenn nicht nur der Orientale kamerascheu ist und die Türkin auf das Tragen des Kopftuches großen Wert legt. Man braucht nicht erst nach Afghanistan zu schauen, wo der böse Blick besonders den Nackten schadet. Auch unsere Vorfahren haben sich niemals mit völlig entblößtem Körper gezeigt. Es herrschten nämlich noch andere Moralbegriffe, die wesentlich zum Schutz der Ehe und Familie beitrugen, um somit gegen den bösen Blick gefeit zu sein. Trifft man schließlich irgendwo auf einen Bettler, sollte man ihm das verlangte Almosen unbedingt geben, allein schon deshalb, um vor seinem bösen Blick geschützt zu sein.

Früher habe ich allerdings niemals viel von diesen “Kinkerlitzchen” gehalten. Seitdem ich aber meiner türkischen Schwiegermutter tief in die Augen geschaut habe, bin ich fest davon überzeugt, dass es den bösen Blick, zumindest aber den lähmenden Blick doch tatsächlich gibt.

Hans Lehrer