Das Paradeisl

Der Brauch, auf Weihnachten einen Christbaum aufzustellen, ist bei uns in Bayern gar nicht einmal so alt, wie allgemein vielleicht angenommen wird. Das mag vor allem daran liegen, dass der Christbaum zuerst in evangelischen Familien üblich war und sich erst viel später auch in den katholischen Gegenden einbürgerte.

Von meiner Mutter weiß ich, dass bei ihnen daheim, in ihrer Auer Herberge auf Weihnachten, in Erinnerung an die biblische Paradieserzählung, noch der sogenannte Paradiesbaum, in Form des pyramidenförmigen “Paradeisl” aufgestellt wurde.

Vier schöne rotbackige Äpfel hatte man mit Holzstäben zu einer Pyramide verbunden, wobei im Apfel an der Spitze ein brennendes Licht steckte. Damit war aber nicht mehr der Paradiesbaum gemeint, der den ersten Menschen einst Sünde und Tod gebracht hatte, sondern Christus selbst verkörperte plötzlich den Baum der Erkenntnis, von dem Versöhnung und Erlösung ausgehen. Es ist kein Zufall, dass gerade am 24. Dezember die beiden ersten Menschen Adam und Eva, unsere Stammeltern, im Kalender stehen und Namenstag haben. Immerhin hatten sie am längsten darauf warten müssen, dass durch die Geburt des Heilandes “die Tür zum schönen Paradeis”, wie es in einem alten Weihnachtslied heißt, wieder aufgeschlossen wurde, und sicher zählen sie auch zu den Gerechten des Alten Testamentes, die Christus erlöste.

Die Vorstellung vom Paradies gehört mit zu unserem Glauben, und jeder möchte halt gerne wissen, wie es da drin einmal ausschaut. Liebliche Blumen sollen dort blühen, Rosen und Lilien, die nicht welken. Alles was Sterben und Begraben heißt, ist dort unbekannt. Kein Frost und keine Hitze stören mehr. Die Seligen kommen alle täglich zum gemeinsamen Mahl zusammen, wo neben einem köstlichen Braten den Männern Wein und den Frauen Met gereicht wird. Wenn man dem “Brandner Kaspar” Glauben schenken darf, muss einem später nicht angst und bang sein; denn im Paradies geht es auch durchaus bayrisch zu. Aus der Oberpfalz aber stammt der Volksglaube, dass sich die Seelen, die von der Erde kommen, im Vorhimmel versammeln, wo sie vom St. Petrus an der Himmelstüre empfangen werden. Jede einzelne Seele befragt er und erhält dann vom Herrgott Bescheid, in welche Abteilung des Himmels sie aufzunehmen sei. Alle sind wir fest davon überzeugt, dass das Paradies im Himmel zu suchen ist und hoffen, nach dem Tod dorthin zu kommen. Besondere Belohnung erfahren dabei die Mütter; denn so viele Kinder eine Frau hat, um so viele Stufen kommt sie dem Himmel näher. Und so lange ein kleines Kind nicht in einen Spiegel schaut, ist der Himmel seinen Blicken geöffnet.

Viele Menschen sind während der kurzen Zeitspanne ihres Lebens auf der Suche nach dem Paradies hier auf Erden und glauben, es mit viel Geld in einem bequemen und sorgenfreien Leben zu finden. Leider übersehen sie dabei ganz Gottes Liebe und Gnade, die er durch die Menschwerdung seines Sohnes allen zuteil werden ließ und überhören die Botschaft aus Bethlehem.

Hans Lehrer