Der "evangelische" Schulweg

Die Religion verlangt uns manches Opfer ab, das zu vollbringen wir aber gerne bereit sind. Geschieht es doch aus Liebe zu unserem Herrn und Heiland.

Ein solches Opfer wurde auch meinem Vater und seinen vier Geschwistern auferlegt, als sie mit zehn Jahren ab der fünften Klasse täglich einen fünf Kilometer langen Schulweg zurücklegen mussten, der sie über Felder und Fluren von Kirchtrudering nach Perlach führte. War etwa die hiesige Dorfschule nicht mehr gut genug für sie, dass sie lieber den weiten Schulweg, der besonders im Winter beschwerlich war, auf sich nahmen? Der Grund lag woanders. Die Kinder stammten von evangelischen Zuwanderern ab, die im Jahr 1802 auf Vorschlag des bayerischen Kurfürsten und späteren König Max I. Joseph und seiner evangelischen Gemahlin Caroline, einer badischen Prinzessin, mit ihrem zweirädrigen Karren bis von der Kurpfalz ins katholische Bayern gekommen waren, um hier in den Moorgründen von Großkarolinenfeld ihr hartes Brot zu verdienen. Sie blieben dort nur kurze Zeit; denn schon ein Jahr später hatten sie das Glück, in Kirchtrudering ein Bauernanwesen zu erwerben, wo sie allerdings lange Zeit die einzigen Protestanten waren. Da es weit und breit nur in Perlach eine evangelische Schule und Kirche gab, mussten die Kinder tagaus tagein den weiten Weg von ihrem Dorf dorthin zurücklegen; am Sonntag zum Kirchgang zusammen mit den Eltern. Meistens war die fromme Schar zu Fuß unterwegs. Die Pferde wurden nur bei ganz besonderen Anlässen eingespannt. Die Kinder, die nach der Konfirmation auch die Sonntagsschule in Perlach besuchten, wuchsen zu fleißigen und tüchtigen Menschen heran. Ihre Schulzeugnisse, die alle noch vorhanden sind, sagen etwas aus über ihren Eifer und ihre Frömmigkeit. Wenn sie in späteren Jahren ins Erzählen kamen, wurden auch oft die Erinnerungen an die Perlacher Zeit wach, und sie hatten in mir jedes Mal einen aufmerksamen Zuhörer. Früher, so berichteten sie, mussten die Kinder viel mehr auswendig lernen. Noch nach fünfzig Jahren war ihr Gedächtnis so gut, dass sie lange Gedichte und Texte aufsagen konnten. Nur beim Weihnachtsevangelium geriet die ältere Schwester, das Marei, schon als Kind ins Stocken, bei der Stelle, wo es hieß, dass Maria "schwanger" sei. Dieses Wort getraute sie sich nicht auszusprechen. War das mit ein Grund, dass sie nie zum Heiraten kam. Oder nicht heiraten wollte?

Die Verbindung nach Perlach riss auch später nie ab, und die Kinder von einst besuchten noch im hohen Alter ab und zu die alte Kirche und blickten dabei auch über die Straße, auf das Gebäude, wo sie einst die Schulbank gedrückt hatten.

Im Jahr 1999 feierte die evangelisch Kirche zu Perlach ihr 150jähriges Bestehen. Das war Grund genug für mich, als ein Nachkomme dieser evangelischen Zuwanderer, an den Festlichkeiten teilzunehmen, auch wenn ich gar nicht mehr evangelisch bin, sondern wie meine Mutter katholisch getauft und erzogen wurde. Früher standen sich die beiden Konfessionen oft verständnislos, ja sogar feindlich gegenüber, was ich als Kind in der eigenen Familie verspüren musste. Ich aber hatte noch nie Berührungsängste; denn bald schon wurde mir klar, dass es nur einen Herrgott geben kann, der für alle da ist.

Hans Lehrer