Die Strickliesl

Als ich sieben Jahre alt war und in die zweite Klasse ging, kaufte ich mir für meine fünfzig Pfennig bei der Frau Leberle ihrem Gemischtwarenladen eine Strickliesl, die ich vorher in der Auslage entdeckt hatte. Für einen Buben war das ein seltsames Spielzeug, und ich wusste auch nicht viel damit anzufangen, bis ich meine Mutter bat, sie möge mir doch mit dieser Holzpuppe das Stricken beibringen. Die Strickliesl hatte die Form des Münchner Kindl mit vier kleinen Nägeln auf dem Kopf zum Herumschlingen der Wolle und einem bleistiftdicken Bohrloch dazwischen, das durch den ganzen Körper ging. Meine Mutter besaß weder die Zeit noch die Geduld, meinem seltsamen Wunsche nachzukommen und gab mir den guten Rat, es doch einmal bei der Handarbeitslehrerin zu probieren, die damals nur Mädchen unterrichtete. Diese war nicht wenig erstaunt, als ich ihr meine Bitte vortrug, lud mich aber verständnisvoll in ihre nächste Handarbeitsstunde ein. Dabei musste ich schon meinen ganzen Mut zusammennehmen, um von ihrem Angebot Gebrauch zu machen; denn immerhin war ich der erste und einzige Bub, der sich so etwas traute. Der Spott meiner Schulkameraden war dementsprechend groß und nicht von kurzer Dauer. Ich aber saß mit hochrotem Kopf zwischen all den Mädchen in der ersten Bank und harrte der kommenden Dinge. Von der Handarbeitslehrerin, die sogar ein kleines Schleifchen in meinem Haar befestigt hatte, bekam ich eine Stricknadel mit einem Knäuel Wolle, und sie zeigte mir, wie man Maschen aufschlägt. Das ging ganz hurtig, und bald schon begann ich rechte und linke Maschen zu stricken. Um aber weiterem Gespött aus dem Wege zu gehen, zog ich es allerdings vor, bald nicht mehr die Handarbeitsstunde zu besuchen, hatte ich doch mein Ziel, das Stricken zu erlernen, erreicht. Übung bekam ich, indem ich unzählige Schals und Topflappen mit und ohne Muster strickte, und am Ende des Schuljahres wurde ich im Fach "Mädchenhandarbeit" mit der Note "eins" belohnt.

Hans Lehrer