Die vier heiligen Dreikönige

Die vier heiligen Dreikönige Wie ich noch nicht lesen konnte, habe ich mir in den alten Jugendblättern aus dem Jahr 1906 einfach nur die Bilder einer Geschichte angeschaut, die von unserem großen Heimatdichter Ludwig Ganghofer stammt und von vier heiligen Dreikönigen handelt. Drei Könige stapfen durch den tiefen Schnee und viel weiter hinten rennt ihnen ein vierter König nach, den sie scheinbar nicht dabei haben wollen; denn auf dem nächsten Bild liegt er im Schnee, mit einem umgestürzten Korb und einem zerbrochenen Krug und niemand hilft ihm. Ganz friedlich schlummert er auf dem letzten Bild im Schnee und die wahren Dreikönige stehen um ihn herum. Als ich später die Geschichte auch lesen konnte, tat er mir leid, der Schlucker Franzl, der den Namen von seinem Vater, einem nötigen Holzknecht geerbt hatte, den ein stürzender Baum erschlug.

Aber nicht etwa die Armut bedrückt den Franzl am Abend des Neujahrstages, sondern vielmehr ist es der Gedanke, wie er zwei Könige finden könne, die ihn mitgehen ließen, wo er doch heuer auch einen König machen will. Mit verweinten Augen kommt der Bub am nächsten Tag heim und beklagt sich, dass alle sagen, er täte ihnen z’lumpert ausschauen und überhaupt wären schon überall drei beieinander. Die Mutter tröstet ihn mit der guten Nachricht, dass er beim Schreiner seinen zwei Buben mitgehen könne, ja sogar als der allerschönste unter den drei Heiligen. Er darf nämlich den schwarzen Mohrenkönig darstellen. Es folgen Tage der Aufregung. Das Königssprüchl ist in seiner ganzen Länge zu lernen und der Ornat des Mohrenfürsten muss hergerichtet werden. Warm zieht ihn die Mutter am Dreikönigstag an, er hat ja vom frühen Morgen bis in den späten Abend umherzustapfen in Schnee und Kälte. Dann schlüpft er in den Königstalar, den die Mutter aus einem Hemde ihres seligen Mannes zurechtgeschnitten hat. Gegürtet wird er mit einem Stricklein, in welches die Henkel der blechernen Sparbüchse und des kleinen Schmalztopfes eingeschlungen sind. Sein frisches hübsches Bubengesicht wird ihm mit Kienruß angestrichen, auf den Kopf bekommt er die wollene Ohrenmütze, an welche die goldene Papierkrone angenäht ist, an den linken Arm ein mit Heu gefülltes Körbchen für die Eier, auf die rechte Schulter den kleinen Zwerchsack für die Wecken, Kletzen, Äpfel und Nüsse. Strahlend verlässt er das Schluckerhäuschen und muss mit Entsetzen beim Schreinerhof erfahren, dass die anderen Könige schon auf und davon sind ins nächste Dorf und einen Mohrenkönig haben sie auch dabei. Jetzt fängt der Franzl zu laufen an, Schweiß- und Tränenbächlein rinnen ihm über die Wangen, als er endlich die zwei Schreiberbuben und den zehnjährigen Schustermichl, der den Mohrenkönig macht, eingeholt hat. Sie kanzeln ihn wegen seines angeblichen Zuspätkommens ab und erlauben ihm dennoch großmütig das Mitgehen, indem man sich entschließt, dass die heiligen Dreikönige für dieses Mal zu viert ausrücken, allerdings mit der Bedingung, dass der Franzl als jüngster König das Reisegepäck seiner gekrönten Kameraden trägt. Schwer beladen keucht er hinter den dreien einher, die ihn nur so lange brauchen, bis im nächsten Dorf das “Königsreiten” beginnt. Sie nehmen ihm die Sachen ab, versetzen ihm noch einen Stoß, dass er in den Graben purzelt und rennen davon. Wie er als einschichtiger König am ersten Haus vorbeikommt, fragt ihn die Bäuerin neugierig nach den anderen Königen. “Die sind mir davongelaufen, weil’s mich net mögen haben”, schluchzt der Bub und sagt trotzdem sein Königssprüchl auf. Die Bäuerin erscheint mit einer gefüllten Schürze, und er bekommt sogar einen Sechser für seine Sparbüchse. So zieht er weiter von Haus zu Haus und überall erbarmt er den Leuten, die ihn reichlich beschenken. Korb und Zwerchsack werden immer schwerer, so dass er sie kaum zu schleppen vermag. Auf dem Heimweg fängt es zu schneien an. Er quält sich ab mit seiner Last und einmal kommt ihm der Gedanke, Korb und Zwerchsack auf der Straße liegen zu lassen und nur heim zulaufen. Aber es ist ihm leid um die guten Sachen. Völlig erschöpft kratzt er den Schnee von den Wurzeln einer Tanne und lehnt sich an den rauen Stamm, um auszuruhen. Vielleicht, so hofft er, kommt jemand des Weges und nimmt ihn mit. Er zittert an allen Gliedern, wie Eiswasser rinnen die Tränen auf die Lippen und als er mit seinen steifen Fingern einen großen Apfel und ein Stück Kletzenbrot gegessen hat, macht sich die Übermüdung bemerkbar. Er tut einen tiefen Atemzug und schließt die Augen. Aber nein, wie kann der Franzl schlafen? Plötzlich sieht er ein helles Licht den ganzen Wald durchzittern. Nur so kalt ist dieses Licht. Plötzlich ist es ihm, als vernähme er Schritte und lauter Stimmen - und wahrhaftig - dort kommen sie, die drei Könige, mit goldenen Kronen und langen weißen Bärten. Er will schreien, aber seine Lippen bleiben stumm und die Zähne klappern. Sie streicheln dem Buben mit eiskalter Hand über die Wangen und nehmen ihn, da auch sie schon drei sind, als ihren Stern mit, fangen zu wandern an, aber nicht die Straße entlang sondern immer höher hinauf und der Franzl, dem ganz warm wird, jubelt: “Ein Stern ... ich bin ein Stern ... und fliegen kann ich ... fliegen!”

Hans Lehrer