Das Doktorbuch

Wenn bei uns daheim jemand krank wurde, hatten wir einen ganz besonderen Ratgeber. In einem alten Buch, das noch von meiner Großmutter stammte, waren auf über zweitausend Seiten sämtliche Krankheiten aufgeführt, die es vor mehr als hundert Jahren gab. Über manche Behandlungsmethode, der stets die Heilkraft der Natur zugrunde lag, kann man heute oft nur milde lächeln, hat sich doch, gerade in der Medizin, in den letzten hundert Jahren viel getan. Mit Wasser Licht und viel Luft versuchte man ganz ohne Arzneimittel damals den Krankheiten Herr zu werden oder wenigstens vorzubeugen, wenn auch gegen den Tod oft kein Kraut gewachsen war.

Auch heute noch werfe ich ab und zu einen Blick in dieses nach wie vor interessante Buch, wenn ich wissen möchte, was mir fehlt. Dabei hat es mir schon oft gute Dienste erwiesen und geholfen, gar manche Krankheit auf natürliche Weise auszukurieren. Ich weiß dieses Buch auch noch aus einem anderen Grunde zu schätzen und hänge irgendwie daran. Als kleiner Bub nämlich wurde streng darauf geachtet, dass ich es nicht in die Hände bekam, was aber meine Neugierde nur noch mehr steigerte. Auf den ersten Seiten des Buches war ein Frauenkörper abgebildet, dessen verschiedene Körperteile und Organe aufklappbar waren. So kamen hinter den Muskeln und dem Skelett nicht nur die Organe, wie Herz, Lunge und Leber zum Vorschein, sondern unter anderem auch ein kleines Kindlein, das eingerollt im Unterleib schlummerte. Dieses Geheimnis des Lebens ist noch nichts für den kleinen Buben, dachte meine Mutter und so musste ich halt auch weiterhin an den Storch glauben. Das Wort Aufklärung war früher, wo das sechste Gebot noch streng geachtet wurde, ein heikles Thema, bei dem sich die Eltern meist überfordert fühlten oder sich einfach genierten, darüber zu sprechen. Erst in der achten Klasse, kurz vor der Entlassung aus der Volksschule, setzte sich der Lehrer mit uns zusammen und erklärte zunächst, wie es die “Bienen” machen und darüber hinaus noch einiges mehr.

Hans Lehrer