Dorfhirten

Im Herbst 1872 kamen die Eltern des sechsjährigen Pauli als Dorfhirten nach Attenhofen in der Holledau. Auch der Bub musste schon frühzeitig beim Brotverdienen mithelfen und leistete, was in seinen kindlichen Kräften lag. Alle seine Geschwister waren noch kleiner als er. Jeden Morgen wurden die Schweine, Schafe und Ziegen ausgetrieben. Zur Ausrüstung eines Hirten gehörten Geißel und Geißbockhorn. Auf die Signaltöne hin “du, du, du, dutou, du, du”, ließen die Bauern ihr Vieh aus dem Stall. Der Hirte trieb die Tiere durch die Dorfstraßen und hinaus auf das Feld und zu den Weiden. Damals waren nicht alle Felder angebaut. Vielmehr gab es Winter-, Sommer- und Brachfelder, wobei letztere im Sommer als Viehweide dienten. Diese leeren Felder hatten ein sogenanntes Freijahr, damit sie ausruhen konnten. Für den Anbau von Weizen und Winterroggen wurden sie dann im Herbst gedüngt.

Sowohl beim Viehaustrieb vor der Schule, als auch am Nachmittag auf der Weide, half der Pauli dem Vater, bis eingetrieben wurde. Gegen Abend wurden die Tiere immer sehr unruhig, besonders die Schweine im Winter, wenn es kalt war. Sehr oft kam es vor, das es regnete oder schneite und die Tiere nass wurden. Heimgetrieben wurde jedoch erst am Abend, nicht eher.

So verging das Jahr 1873. Um Martini war für die Hirten ihre vereinbarte Zeit um. Doch den alten Brauch ließen der Bub und seine um ein Jahr jüngere Schwester nicht einfach so vorübergehen. Am Abend vor dem Martinitag holten sie sich von den Bauern Küchlbrot und auch ein Stück Fleisch, indem sie einen besonderen Spruch aufsagten:

"Hur-raus Hor-raus
heut is mei Johr aus
Morgn treib i nimma aus
gema zum Tor hinaus
steht da Peta und da Pauli draußt
da Peta mitn Schließl
da Pauli mit da Drischl
heut is a Rachnacht
d Wehr hot Sau bracht
unsers Herrn Trama
rumbelt hinta Kamma
rumbelt d Stiegn auf und ob
bricht se a Füßl ob
s Füßl hör i kracha
Küchi hant scho bacha
Null raus
Küchi raus
oda i schlog eng
a Loch ins Haus."

Als sie mit ihrem Spruch fertig waren, erhielten sie die geforderten Gaben und weiter ging es zum nächsten Bauern. So wurde einer nach dem anderen aufgesucht, bis ihr Korb gehörig gefüllt war. Vater, Mutter und die Geschwister freuten sich bereits auf ihre Heimkehr. Neugierig wurde der Korb gemustert und gar manch weißes Stücklein Brot, das alle gern haben wollten, kam zum Vorschein.

Das Jahr war vorüber. Die Eltern kehrten mit den Kindern wieder nach Mainburg zurück, wo der Pauli auch bis zum Frühjahr 1874 in die Schule ging.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 19.06.2003

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