Ein verhängnisvoller Freitag

In meinem Leben gibt es einen Freitag, der für die Familie von folgenschwerer Bedeutung war. An das Datum erinnere ich mich noch ganz gut, weil Mutter an diesem Tag im Kalender den Vermerk anbrachte: “Vater verunglückt”. Das war genau am 11. April 1952, in dem Jahr, wo ich kurz darauf Erstkommunion hatte. Mutter und ich kamen gerade von einem Krankenbesuch heim, als uns die Nachbarn schon händeringend entgegenliefen und von dem Unglück erzählten, das unserem Vater zugestoßen war, als er mit dem Rad in die Stadt fuhr, um seine Bierzeichen gegen ein Tragl Bier einzutauschen, das er auf dem Gepäckträger heimbringen wollte. Er arbeitete nämlich in der Brauerei und braute das Bier nicht nur, sondern trank es auch gern.

Mit einem Fetzen Rausch bestieg Vater das Rad bei der Gaststätte “Friedensburg” in der Lothringer Straße und versuchte bei der Heimfahrt das Gleichgewicht zu halten. Es gelang ihm nicht immer, auf der Fahrbahn ganz rechts zu fahren, sondern benötigte öfters die ganze Straße. Hinzu kam, dass Vater in betrunkenem Zustand nie ruhig sein konnte, sondern regelrecht zu plärren anfing und die Aufmerksamkeit der Leute dadurch auf sich zog. Er kam bis Berg-am-Laim, als das Unfassbare geschah, dass er mit der Straßenbahn der Linie 1 zusammenstieß und sich am Kopf verletzte. Mit dem Sanitätsauto wurde er ins Perlacher Krankenhaus gebracht, wo er über seine Unvernunft nachdenken konnte. Mutter tat mir leid, weil sie mit ihm so viel mitmachen musste. Als sie ihn im Krankenhaus besuchte, empfand sie kein Mitleid, war aber trotzdem froh, dass bis auf eine Schramme am Kopf und einer leichten Gehirnerschütterung nicht mehr passiert war; denn schließlich war er ja unser Ernährer. Vater wurde am nächsten Tag schon wieder entlassen. Aber damit war dieser Vorfall noch längst nicht ausgestanden. Da es kein gewöhnlicher Werktag war, den Vater sich für diese schlimme Radfahrt ausgesucht hatte, sondern der heilige Karfreitag, wurde er vor Gericht zitiert und erhielt eine 14tägige Gefängnisstrafe aufgebrummt, die er kurz darauf in Stadelheim absitzen musste. Von alldem durfte ich natürlich nichts erfahren; denn es bestand die Gefahr, dass ich alles brühwarm weitererzählt hätte, was Kinder gerne tun, und so sagte man mir nur, dass Vater in Wasserburg den Lex Anton, einen Kriegskameraden aus dem ersten Weltkrieg, besuche und mehrere Tage dort bleiben würde. Nach zwei Wochen der Bierabstinenz tauchte Vater wieder daheim auf, sternhagelvoll und begann über seine Zeit im Gefängnis zu erzählen, die er damit verbracht hatte, im Tierpark Hellabrunn den Meerschweinchenstall auszumisten. Als er davon berichtete, dass das Fenster seiner Zelle vergittert gewesen sei, merkte ich mit meinen zehn Jahren bald, wo Vater sich die letzten vierzehn Tage wirklich aufgehalten hatte.

Es ist schlimm, wenn man sich als Kind für seinen Vater schämen muss, und ich versprach Mutter hoch und heilig, niemals in seine Fußstapfen zu treten. Dieses Versprechen konnte ich, abgesehen von ein paar Ausrutschern, bis auf den heutigen Tag halten.

Hans Lehrer