Eine Begebenheit im alten München

Als meine Tante noch ein Schulmädel war, hatte sie 1911 ein großes Erlebnis. Prinzregent Luitpold, der damals noch in Bayern regierte, feierte seinen 90. Geburtstag. Das war natürlich etwas ganz außergewöhnliches, schon allein deshalb, weil ein solcher Geburtstag sehr selten ist, noch dazu, wenn ihn der Landesherr begeht. Damit die Schulkinder eine bleibende Erinnerung an diesen Tag hatten, bekamen sie schulfrei. Am Abend aber sollte eine eindrucksvolle Feier stattfinden. Den schulfreien Tag nutzten die Kinder, um in die Stadt zu gehen und sich die Dekorationen anzuschauen. An den öffentlichen Gebäuden hatte man Fahnen gehisst, besonders die Residenz war schön geschmückt, natürlich nicht so großartig wie heute ein Oktoberfestbierzelt, behauptete zumindest meine Tante. Damals geschah dies alles in einem sparsamen, bürgerlichen Rahmen. Überall in den Auslagen der Königlich Bayerischen Hoflieferanten befand sich ein Bild des Prinzregenten, welches mit Tannengirlanden und einer goldenen "90" verziert war. Abends fand die große Feier statt. Es kamen alle siebten Schulklassen von Bogenhausen und Haidhausen am Friedensengel zusammen. Jedes Kind trug an einer langen Stange einen orangefarbigen Lampion mit einer Kerze darin, die entzündet wurde. Das sah sehr eindrucksvoll aus. Überall auf der Terrasse und den breiten Aufgängen des Friedensengels standen die Kinder, deren Lampions in der Nacht festlich leuchteten. Nach den Ansprachen sangen die Kinder die Lieder: "Heil unserm König, heil" und "Gott mit Dir, Du Land der Bayern". Der Prinzregent kam natürlich nicht. Sich das zu wünschen, wäre niemandem eingefallen. Allein die Feier selbst war schon so schön, dass sie den Kindern unvergesslich blieb. Zeit ihres Lebens erzählte meine Tante davon. Sie wusste aber auch von einem kleinen Mädchen zu berichten, das den Prinzregenten schon für sein Leben gerne gesehen hätte, obwohl es noch nicht in die Schule ging. Da es die Eltern immer wieder mit dem Wunsch quälte, wussten sich diese nicht mehr anders zu helfen und gingen einmal mit der Kleinen in die Residenz. Sie flüsterten einem Lakaien etwas zu, der sie mit verständnisvollem Augenzwinkern in ein leeres Zimmer führte. Der Vater sagte zu seiner kleinen Tochter: "Schau nur immer auf die Tür hin, da kommt der Prinzregent raus!" Das Mädchen saß in unbeschreiblicher Erwartung und Aufregung da und wandte die Augen nicht von der Tür. Nach längerer Zeit ging sie auf, aber es kam nur der Lakai heraus, der mit Bedauern mitteilte, dass der Prinzregent heute nicht mehr zu sprechen sei. Gut, so wanderten die drei wieder heim. Das kleine Mädchen aber war nicht im geringsten enttäuscht; denn das Warten im Haus des Prinzregenten war allein schon ein großes Erlebnis, das dem Kind vollauf genügte. Glücklich strahlend erzählte es allen Bekannten. "Ich habe heut den Pjinzjegent gesehen, aber er war nicht djinnen!" Das "R" konnte die kleine Münchnerin noch nicht aussprechen, doch alle Leute erfreuten sich an ihrem Eifer und schmunzelten über ihre Seligkeit.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 19.07.2003

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