Der Erbschleicher

Schlimmer als bei uns daheim ist es im Spanischen Erbfolgekrieg wohl auch nicht zugegangen. Den Erbstreit vom Zaun gebrochen hatte unser Onkel, Mutters jüngerer Bruder, der schon als Kind nicht viel getaugt hatte, indem er faul und jähzornig war, seinen Schwestern zuweilen gegen das Schienbein trat und auf dem Gymnasium, sehr zum Leidwesen seines Vaters, der aus dem einzigen Buben etwas machen wollte, zweimal sitzen blieb. Er versuchte erst gar nicht einen Beruf zu ergreifen und hütete lieber die elterliche Schafherde, bis er endlich den Entschluss fasste, sich freiwillig für zwölf Jahre bei der Bayer. Landespolizei zu verpflichten. Dort schien es ihm zu gefallen, und seine militärische Laufbahn nahm hier ihren Anfang. Nach seinem Ausscheiden erhielt er eine Anstellung im Staatsdienst und schaffte es bis zum Finanzinspektor, im letzten Krieg sogar bis zum Hauptmann. Großvater, der seiner Lebtag viel gearbeitet und zusammengespart hatte, hinterließ seinen sechs Kindern ein stattliches Anwesen, das nach dem mündlichen Willen des Verstorbenen, schon wegen der gerechteren Aufteilung, später verkauft werden sollte. Allerdings gelang es meinem Onkel, Großmutter heimlich zur Abfassung eines Testamentes zu überreden, das er aufgesetzt hatte und in dem er sich als Testamentsvollstrecker einsetzen ließ, um allein leichter an den Hof heranzukommen und seine Schwestern besser ausschmieren zu können. Als seine Offizierslaufbahn durch den verlorenen Krieg ein Ende fand, griff er wieder seinen alten Plan - den Erwerb des Anwesens - auf und erpresste die Miterben, entweder ganz auf ihr Erbe zu verzichten oder gegen eine lächerliche Kaufsumme, von der er auch noch den Lohn für seine angeblichen Arbeitsstunden abzog, ihm Haus und Hof zu überlassen. Unterstützung fand er in Alfred Seidl, einem der besten Rechtsanwälte und späterem Bayer. Innenminister, so dass er es letztendlich auch fertig brachte, mit vielen Gemeinheiten und Lügen ans Ziel zu kommen. Die Folge dieser heftigen Erbauseinandersetzung, bei der schließlich jeder nur noch nach seinem eigenen Vorteil trachtete, war eine Feindschaft unter den Geschwistern, die zehn Jahre anhielt, in denen, sogar unter uns Kindern, sämtliche verwandtschaftlichen Beziehungen abgebrochen wurden, die auch später unterkühlt und voll Misstrauen blieben.

Mehr als fünfzig Jahre sind seitdem vergangen. Längst sind die Kontrahenten von damals unter der Erde. Doch die Akte "Erbauseinandersetzung" existiert immer noch. Heute schüttle ich beim Lesen den Kopf über so viel Brutalität, mit der dieser böse Onkel vor allem unsere arme Mutter, die auch noch nach dem Tod der Großeltern bis zum unheilvollen Einzug des Erbschleichers mit uns im Anwesen allein gelebt hatte, erpresste und von ihm schließlich aus dem Haus geworfen wurde, immer wieder mit der Drohung: "Wenn du nicht unterschreibst, sind wir morgen vor'm Gericht!" Als Testamentsvollstrecker machte er von seinen angeblichen Rechten Gebrauch, den gesamten Nachlass zu inventarisieren und darüber zu verfügen. In seinem üblen Schreiben "Zehn Jahre Erbengemeinschaft", beschwerte er sich über die "furchtbaren Zustände", die er bei seinem Einzug 1947 vorgefunden hatte und für die er vor allem unsere Eltern verantwortlich machte. Es waren aber nur unwahre Behauptungen, die dazu dienen sollten, seinen schlimmsten Absichten, alles für sich zu beanspruchen und uns hinauszuekeln, Nachdruck zu verleihen. Und so schreibt er denn: "Wochenlang habe ich jeden Tag nach Dienstschluss bis zum Einbruch der Dunkelheit, ohne ein Wort darüber zu verlieren, gearbeitet, um wieder Ordnung und Sauberkeit zu schaffen. Tagelang habe ich ein Feuer unterhalten, um diesen Dreck mitsamt der darin gewachsenen Ungezieferbrut zu vernichten. Gebrauchsgegenstände wie der Schubkarren oder das Kanonenwägerl wurden zu Schanden gefahren und dann in die Ecke geworfen. Die Schäden auszubessern und das Anwesen wieder in einen Zustand zu bringen, wie es die ideelle Verpflichtung unseren Eltern gegenüber erfordert, rechne ich zu den dringendsten Aufgaben, die mir nach dem Gesetz als Testamentsvollstrecker und Nachlassverwalter obliegen. Es bleibt mir unverständlich, warum ich auf Widerstand stoßen muss, wenn ich mich für die Erhaltung des Besitzes einsetze. Was ich in dieser kurzen Zeit meines Hierseins bereits an Beleidigungen gemeinster und ordinärster Art erfahren musste, hat in mir den Entschluss reifen lassen, nichts mehr ungestraft hinzunehmen. Aber keine Sorge, ich werde mir keine Hand mehr dreckig machen, aber Geld kostet das, Geld, Geld und wieder Geld, Geld der Miterben Maria L., soviel und solange, bis meine Rechte und Anordnungen respektiert werden und ich meine Ruhe habe." Damit meinte er Mutter und uns dazu. "Schonungslos werde ich das Gesetz in Anspruch nehmen, wenn andere Mittel nicht mehr ausreichen. Ich bedauere sehr, dass ich auf solche Bahnen getrieben werde, aber es bleibt mir kein anderer Ausweg, um mir mein Recht zu verschaffen und mich von diesen Anpöbeleien zu schützen. Dem Herrn Jakob L.", damit meinte er unseren Vater, "spreche ich hiermit ein für alle Mal jedes Recht ab, sich in die Angelegenheiten der Erbengemeinschaft irgendwie einzumischen. Als Sippenfremder geht ihn der Besitz unserer Eltern gar nichts an. Ich mache nochmals aufmerksam, Widerstand kostet Geld, Geld und wieder Geld, Geld der Miterbin Maria L..... "

Angewidert und zutiefst getroffen verließen wir fluchtartig das Anwesen, das diesem Erbschleicher aber kein Glück bringen sollte. Bereits ein Jahr später wanderte sein einziger Sohn nach Venezuela aus, weil er es daheim anscheinend nicht mehr ausgehalten hatte, und heute ist der Besitz in fremden Händen.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 26.02.2003

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