Es begann vor 40 Jahren

In den 60er Jahren nahm eine regelrechte "Völkerwanderung" der ärmeren Bevölkerungsschichten auf der Suche nach Arbeit und Wohlstand ihren unaufhaltsamen Anfang. Dazu gehörten auch viele Türken, die Deutschland als eine Art "Paradies auf Erden" entdeckten und sich aus den anatolischen Dörfern auf den Weg machten, um sich auf das Abenteuer "Almanya" einzulassen Zunächst waren es überwiegend einfache Bauern, oft Analphabeten, die Deutschland nur vom Hörensagen kannten, spätestens aber seit dem 1. Weltkrieg große Sympathien für die Deutschen entwickelt hatten, deren treue Waffenbrüderschaft am Bosporus sie besonders zu schätzen wussten und darüber hinaus Bismarck und leider auch Hitler, der in der Türkei völlig falsch eingeschätzt wurde, als starke Führerpersönlichkeiten verehrten. Die Hodschas in den Dörfern warnten die Ausreisewilligen zwar vor dem lockeren Umgang mit Sitte und Moral im christlichen Abendland, das für sie nichts anderes als eine Brutstätte des Unglaubens war. Jedoch die Armut trieb die vielen Mehmets und Mustafas, Alis und Ahmets, die bisher nur das karge Leben in ihren Dörfern gekannt hatten, zu dem Entschluss, den Sprung in ein fremdes Land dennoch zu wagen, in der Erwartung eines besseren Lebens. Während sich die ersten Arbeiter noch selbständig und eigenmächtig auf den langen Weg machten, um sich in der Fremde nach einem besseren Verdienst umzuschauen, erfolgte bald die organisierte Anwerbung durch deutsche Firmen, die das benötigte Arbeiterkontingent durch eine Vermittlungsbehörde zugeteilt bekamen. Man brauchte vor allem junge und gesunde Arbeitskräfte, die beim Aufbau der deutschen Wirtschaft fleißig zupacken würden, die man auch nötigenfalls ausnützen konnte, allein schon wegen der Dankbarkeit, die sie den Deutschen zu schulden hatten. In zahlreichen Berufen entstand nach dem Krieg ein großer Arbeitermangel und die Deutschen waren sich für die "Drecksarbeit" allmählich zu gut. Dafür hatte man jetzt die Italiener, Türken, Griechen, Spanier, Jugoslawen ... , die unsere Straßen kehrten, die Mülltonnen leerten, kurzum für die Deutschen die grobe Handarbeit verrichteten. Niemand hätte damals geglaubt, dass ausgerechnet die Türken, deren langer Anreiseweg mit dem Zug mehrere Tage dauerte und deren Leben durch die islamische Kultur geprägt war, sich derart heimisch bei uns einrichten und einmal die stärkste Volksgruppe unter den ausländischen Arbeitnehmern in Deutschland bilden würden. Immer mehr Türken saßen Mitte und Ende der 60er Jahre in ihrer Heimat auf gepackten Koffern und Schachteln, um in das "Gelobte Land" einzureisen. Hindernisse wurden umgangen, indem man den Analphabeten schnell beibrachte, wenigstens ihren Namen auf das Papier zu kritzeln, indem man den nicht ganz Gesunden bei der Untersuchung mit gesunden Urinproben, die im Bazar gehandelt wurden, unter die Arme griff oder indem man in den Pässen und Geburtsurkunden das Geburtsdatum einer Verjüngungskur unterzog. Die scheidenden Väter wurden von den zurückgebliebenen Familienmitgliedern beweint, als ob sie für lange Zeit in den Krieg ziehen würden und einer ungewissen Zukunft ausgesetzt wären.

Zunächst hießen sie "Fremdarbeiter". Kamen allein, ohne Familie und lebten teilweise in sehr primitiven Unterkünften. Den Arbeitern war es recht, wenn sie für Essen, Kleidung und Wohnung nicht viel ausgeben mussten; denn sie wollten jeden Pfennig für die Familie sparen, um sich in der Heimat ein Stück Land zu kaufen, endlich ein gescheites Haus zu bauen oder einen Traktor anzuschaffen. Als sie nach einem Jahr harter Arbeit, fast krank vor Heimweh, zum ersten Mal in den Urlaub fuhren, kleideten sie sich neu ein und vertauschten ihre Schirmmützen mit einem Hut, wie ihn als einziger im Dorf nur der Bürgermeister trug und stopften die Koffer voll mit Geschenken und Mitbringsel, dass die Leute daheim aus dem Staunen nicht mehr herauskamen.
"Eigentlich ist Deutschland gar nicht so schlecht", dachten sich jetzt viele und wollten plötzlich ebenfalls ihre vertraute Umgebung verlassen, um zu den Privilegierten zu gehören. Daheim hatten sie wenig oder gar keine Arbeit, lümmelten in den Cafes herum oder vertrieben sich ihre Zeit in den Teestuben bei einem Brettspiel, das Tavla heißt. Der Vater nahm den ältesten Sohn, der gerade vom Militär gekommen war, besser mit nach Deutschland und schaute sich für ihn um eine Arbeit um. Der Doppelverdienst wurde auf Heller und Pfennig gespart, und am Jahresende kam ein schönes Sümmchen Geld zusammen, mit dem man bereits etwas anfangen konnte. Bald schon reichte das Geld für einen gebrauchten Mercedes, womit beide stolz in die Heimat fuhren und 3000 km Anfahrtsweg durch die damaligen Ostblockländer Jugoslawien und Bulgarien gerne in Kauf nahmen. Trotzdem war man nicht recht glücklich. Jedes Jahr, wenn der Vater wieder zurückfahren musste, litten Frau und Kinder unter dem Abschiedsschmerz, und die Trennung brachte neue Probleme mit sich. An eine ständige Rückkehr in die Heimat war dennoch nicht zu denken, da man sich an den Verdienst in Deutschland , mit dem man sich viele Wünsche erfüllen konnte, gewöhnt hatte. Also versuchte man die Frauen nachzuholen, die Kinder zunächst bei den Großeltern zurückzulassen und in Deutschland, was oft sehr schwierig war, eine Wohnung zu finden. Doch wer wollte schon Türken als Mieter, deren eigenartige Sitten und Gebräuche nur stören würden? Vierundzwanzig Quadratmeter musste der Wohnraum groß sein, damit die Frau eine Aufenthaltserlaubnis bekam, deren Sehnsucht nach ihren Kindern aber immer größer wurde, so dass sie den Mann bedrängte, diese ebenfalls nach Deutschland zu holen. Zunächst probierte man es mit den beiden ältesten Kindern, um die Jüngeren später nachkommen zu lassen. Der Vermieter war nicht gerade glücklich, wenn in der Zwei-Zimmer-Wohnung plötzlich fünf und mehr Personen lebten und die Wohnung total überbelegt war, was besonders bei den Türken oft zutraf. Dabei entstand in den 70er Jahren die Bezeichnung "Gastarbeiter" als die Fremdarbeiter vermehrt ihre Familien nach Deutschland holten und zu Dauergästen wurden. Allerdings hatten viele Deutsche mit einer solchen Entwicklung nicht gerechnet und es entstand der Spruch: "Wir erwarteten Arbeiter, aber es kamen Menschen!"

Vor allem die Einschulung der Kinder war ein großes Problem, weil sie die deutsche Sprache nicht beherrschten, dem Unterricht nicht folgen konnten und die Eltern auch nicht bereit waren, ihre Kinder in die deutsche Kultur zu integrieren. Von den Deutschen, die als Ungläubige sicher einmal in der Hölle landen würden, wollte man vor allem außerhalb der Arbeit den nötigen Abstand halten. Hatte nicht sogar der Imam in der Moschee am Ostbahnhof beim Abendgebet verkündet, dass sich die Muslime vor Freundschaften mit den Ungläubigen hüten müssten, indem er das Sprichwort gebrauchte: "Domuz'dan post olmaz, gavur'dan dost olmaz!" Übersetzt heißt dieser Spruch: "So wenig, wie aus einer Schweinehaut ein Gebetsteppich wird, so unmöglich ist es, mit einem Ungläubigen eine Freundschaft zu schließen!" - Schweinehaut deshalb, weil der Genuss von Schweinefleisch im Islam verboten ist.

Während die Eltern nur eines im Sinn hatten, in möglichst kurzer Zeit viel Geld zu verdienen, um später in der Türkei ein sorgenfreies Leben zu führen, schickte man die Kinder nur halbherzig in die deutschen Schulen, weil es eben Pflicht war. Um den Sprachschwierigkeiten aus dem Wege zu gehen , wurde bald der muttersprachliche Unterricht eingeführt. Man holte extra Lehrer aus der Türkei, welche die Kinder zu "guten Türken" erziehen sollten, um ihnen später die Rückkehr in die Heimat zu erleichtern. Am Sonntag schickte man die Kinder zum Imam in eine der Moscheen, die wie Pilze aus dem Boden schossen. Hier erhielten die Kleinen das Rüstzeug für Intoleranz, Fundamentalismus und Separatismus und bekamen, genauso wie daheim, Prügel wenn sie nicht spurten. Den gemischten Turnunterricht erklärte man vor allem für Mädchen zur Sünde. Sie waren schließlich dazu da, verheiratet zu werden, am besten mit einem Landsmann aus der eigenen Verwandtschaft, zumindest aus dem gleichen Dorf, der extra heraufgeholt wurde, jedoch leider kein Wort Deutsch verstand.

Zunächst wurde die Aufenthaltserlaubnis in den Ausländerämtern nur für ein paar Jahre ausgestellt, weil man glaubte, die Türken würden nach einer gewissen Zeit wieder in die Heimat zurückkehren. Doch aus den fünf Jahren, wurden zehn, fünfzehn Jahre - und man begann in Deutschland zum ersten Mal ernsthaft über die Problematik einer Integration, besonders der zweiten Generation, nachzudenken, von der die meisten keinen Schulabschluss oder eine Ausbildung hatten und ebenfalls wieder Hilfsarbeiterdienste verrichteten. Nach der Arbeit ging die ganze Familie zum Putzen; denn das Leben in Deutschland wurde auch für die sparsamen Gastarbeiter immer anspruchsvoller und deshalb teurer, und man wollte doch noch Geld in die Heimat schicken, um den alten Eltern zu helfen oder seine Ersparnisse bei der türkischen Staatsbank als Devisen gegen einen hohen Zinssatz gewinnbringend anzulegen.

Mögen die Alten noch mit der Heimat verwurzelt gewesen sein, so hatten die Kinder, die in Deutschland groß geworden waren oder dort geboren wurden, große Schwierigkeiten, sich im Land ihrer Eltern, das sie nur vom Urlaub her kannten zurechtzufinden. Hinzu kam noch, dass die Türken, die es in der Fremde zu etwas gebracht hatten, in der Heimat immer mehr als Neureiche empfangen wurden, die man ungeniert "rupfen" konnte und den Namen "Alamanci" erhielten, was soviel wie "Deutschtürken" heißt. Die Kinder fühlten sich in den Dörfern, wo ihre Eltern herstammten, nicht mehr wohl. Sie mieden den Staub, den Dreck und die primitive Lebensweise Anatoliens und verbrachten, wenn es schon sein musste, den Urlaub lieber in Antalya am Meer. Am meisten vermissten sie Mc Donald's oder das deutsche Freizeitzentrum, in dem sie sich regelmäßig zum Billardspiel mit Freunden trafen.

Anfang der 90erJahre kamen immer mehr türkische Kinder in Deutschland auf die Welt. Sie besuchten gemeinsam mit den deutschen Kindern den Kindergarten, die Grundschule, die Hauptschule, das Gymnasium, wuchsen zweisprachig auf und lernten die abendländischen Bräuche und Missbräuche wie die eigenen kennen. Trotzdem hatten es auch die Deutschen den Türken nie leicht gemacht, sich einzugewöhnen und mit ihnen Kontakte zu pflegen. Die orientalische Kultur war ihnen fremd, ihre Lebensgewohnheiten, wie das Schächten von Tieren, nicht nachvollziehbar. Mit den türkischen Nachbarn, die meistens unter sich blieben, wollte man nichts zu tun haben. Zu groß war das Misstrauen. Man verstand ihre Sprache nicht, empfand sie als aufdringlich, laut und lehnte die seltsamen Gerüche ab, die beim Kochen durch das Treppenhaus zogen. Man mied das Hauptbahnhofviertel, das sich immer mehr zu "Klein Istanbul" entwickelte. Als aber die Reisewelle in die Türkei einsetzte, waren auch die Deutschen auf einen Badeurlaub in Marmaris, Bodrum oder Alanya neugierig und nutzten einen Zwischenstop in Istanbul zu einem Bazarbummel. Plötzlich empfand man die Gastfreundschaft der Türken als sehr angenehm und revidierte manches Vorurteil. Auf einmal schmeckte das Fleisch vom Döner Spieß ausgezeichnet. Mit Hilfe eines türkischen Kochbuches versuchte man daheim die köstliche Auberginen-Speise mit viel Knoblauch nachzukochen, ging zum türkischen Händler an der Ecke um frisches Obst und Gemüse oder ein bestimmtes Gewürz einzukaufen und hatte nichts dagegen, wenn der eigene Nachwuchs auch ein türkisches Kind zur Geburtstagsparty einlud.Man gewöhnte sich an die Kopftücher und die knöchellangen Damenmäntel und Mutter belegte in der Volkshochschule sogar einen Bauchtanzkurs. Seit dem letzten Grand Prix d'Eurovision war die türkische Musik plötzlich nicht mehr so fremdartig, sondern halt eben ein bisschen anders. Ab und zu schaltete man im Fernsehen den türkischen Sender ein und wunderte sich, wie europäisch die Türkei zuweilen schien.

Da sehr viele Türken, die bereits in der dritten Generation hier lebten, Ende der 90er Jahre überhaupt nicht mehr in die Türkei für immer zurückkehren wollten und sich im Pass die unbefristete Aufenthaltsberechtigung eintragen ließen oder sich gar um die deutsche Staatsbürgerschaft bewarben, versuchten auch die Deutschen die Fehler der Vergangenheit gutzumachen, gingen in verstärktem Maße auf die türkischen Einwohner zu, berücksichtigte deren Bedürfnisse und drängten jetzt ganz entschieden und vordringlich auf die nötige Integration,die allerdings auf dem Gedanken der Toleranz basieren muss und nur möglich ist, wenn die Bereitschaft zur Erlernung der deutschen Sprache besteht, da diese schließlich den Schlüssel zur Kultur des Gastlandes darstellt. In den Schulen wurden die türkischen Kinder, deren Selbstbewusstsein sich stark ausgeprägt hatte, immer weniger zu Außenseitern. Oft beherrschten sie den bayerischen Dialekt besser als manches einheimische Kind und die Lehrpläne sehen neuerdings sogar einen Islamunterricht in deutscher Sprache vor, der frei von Fanatismus sein soll; denn meistens sind es die falsch verstandenen Religionen, die unter den Menschen Gräben und Hürden errichten und ein Aufeinanderzugehen verhindern.

Wie gut, dass es den Sport gibt, der die jungen Menschen verschiedener Nationen freundschaftlich zusammenführt und gemeinsame Gefühle weckt. Bei der letzten Fußballweltmeisterschaft konnte man erleben, wie die Türken fröhlich und ausgelassen, aber nicht undiszipliniert, die Siege ihrer Mannschaft feierten und wir Deutsche uns mitfreuten, mitten in den großen Städten, die längst zu ihrer Heimat geworden sind.

Das Fundament des Zusammenlebens der verschiedenen Völker und Volksgruppen im Zeitalter der Globalisierung wird vor allem in den Schulen gelegt. Deshalb ist es die wichtigste Aufgabe unserer Lehrer, frei von Vorurteilen, jedem Kind die gleiche Chance zu geben.

Hans Lehrer