Fastenzeit

Am Anfang der vorösterlichen Fastenzeit, die nach dem Vorbild Jesu vierzig Tage dauert und eine Zeit der inneren Reinigung und Heiligung sein soll, um auf eine würdige Osterfeier vorzubereiten, bildet der Aschermittwoch. Nach dem Einascherln gab es bei uns daheim an diesem Tag eine Fastensuppe, jedoch war die Mutter verärgert, weil sich der Vater nicht an die Fastengebote hielt und zur Brotzeit lieber zwei Stockwürste aß. Sie seufzte nur und sagte, dass man von einem Protestanten halt nichts anderes erwarten könne. Ich glaube aber, er hat es gerade mit Fleiß getan. Im Religionsunterricht lernten wir das Lied:

Tu auf, tu auf, du schönes Blut
Gott will zu dir sich kehren!
O Sünder, greif nun Herz und Mut
hör auf die Sünd zu mehren!
Wer Buß zu rechter Zeit verricht’
der soll in Wahrheit leben.
Gott will den Tod des Sünders nicht.
Wann willst du dich ergeben?

Ich holte mir in der kommenden Zeit den Osterbeichtzettel, hörte andächtig den Patres von der Heimatmission zu, die an den fünf Fastensonntagen eindringlich predigten und machte mir ansonsten nicht viel aus der Fastenzeit, was vielleicht auch daran lag, das bei uns das ganze Jahr über Fastenspeisen auf den Tisch kamen, weil für ein gutes und üppiges Mahl einfach das Geld nicht da war.

Später wusste ich, dass das Fasten keineswegs nur eine biblische Erfindung ist, sondern zum religiösen Gebrauch fast aller Völker gehört. Im christlichen Sinn hofft man, durch die Entsagung, die man mit dem Fasten auf sich nimmt, etwas Gutes herbeizuführen. Fasten an sich gilt als Verdienst. Man legt sich freiwillig diese Entsagung auf, um Gott wohlgefällig zu sein, sich ihm dankbar zu erweisen oder aber um Buße zu tun.

Recht viel anders ist es im Islam auch nicht. Nur herrschen im Ramazan, wie hier der Fastenmonat heißt, viel strengere Regeln. Lange schon bevor die Sonne aufgeht bis hin zum Sonnenuntergang ist jegliche Nahrungsaufnahme verboten. Ja, nicht einmal ein Schluck Wasser, eine Zigarette oder sogar das genüssliche Einatmen von Düften ist einem tagsüber vergönnt. Allerdings verschiebt sich der islamische Fastenmonat infolge des kürzeren Mondjahres jedes Jahr um elf Tage nach vorne, so dass er innerhalb von 33 Jahren alle vier Jahreszeiten durchläuft, wobei das täglich Fasten im Sommer länger und deshalb schwieriger, im Winter jedoch kürzer und somit leichter ist. Während sich der Moslem am Abend mit ausgesuchten Leckerbissen den “Bauch voll schlägt”, gehört es im Christentum auch noch dazu, dass die Speisen, die in erlaubten Zwischenzeiten eingenommen werden, von geringer und einfacher Beschaffenheit sind. Dazu zählen Fische, Mehlspeisen und Gemüse - weniger das Starkbier. Erst 1491 wurden Milch- und Butterspeisen, noch später der Genuss von Eiern erlaubt. Neben dem Brot spielten namentlich auch die Brezeln eine Rolle. In den frühchristlichen Zeiten aber bestand die Fastenspeise bloß aus Wasser und Mehlbrei.

Die Enthaltung von Speise und Trank diente seit jeher auch der Bekämpfung unheimlicher Mächte, wurde angewandt zur Abwehr von Gewittern oder setzte ein bei der Begegnung mit dem Tod. Auch die Fleischverbote an bestimmten Tagen könnten von der Antike her beeinflusst worden sein und sind wohl aus der Scheu vor dem Lebensgeist des getöteten Tieres zu erklären. Eine Sonnefinsternis, die am 12. August 1654 zu erwarten war, veranlasste das fürstbischöfliche Consilium medicum von Eichstätt zu einer Bekanntmachung, in der angeordnet wurde, dass alle Leute schon zwei Tage vor der Sonnenfinsternis mit dem Fasten beginnen sollten, weil sich die Luft vergiftete. Am Tage der Finsternis selbst sollte kein Wasser oder Kräuterwerk aus dem Garten in das Haus kommen, weil alles infiziert war.

Mag sich auch die Weltanschauung in vielem gründlich geändert haben, so wäre es für unsere Überflussgesellschaft dennoch nicht von Übel, durch Fasten die Esslust zu zügeln und ein etwas bescheideneres Leben zu führen. Auch dem Reichen, der sich alles leisten kann, schadet es durchaus nicht, wenn er zumindest einmal im Jahr für längere Zeit einen ehrlichen Hunger verspürt, sich dabei mit den Armen dieser Welt solidarisch fühlen kann und darüber hinaus noch ein finanzielles Fastenopfer bringt.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 03.03.2003

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