Eine Firmpatin aus der Zeitung

Meine Großeltern waren fleißige Leut’. All ihr Erspartes steckten sie in den Kauf einer Herberge in der Au, wo ihnen schließlich das erste Stockwerk in der damaligen Kirchplatzstraße 17 gehörte. Großvater arbeitete im Eisenwerk in Sendling, Großmutter verdiente daheim durch Bürstenbinden nebenbei etwas hinzu.

Am 19. Juni 1901 war es soweit, dass ihre Tochter Kathi gefirmt werden sollte - gar nicht so einfach, eine gescheite Firmpatin zu finden. Da kam meiner Großmutter die gute Idee, in den “Neuesten Nachrichten” ein Inserat aufzugeben. “Armes Mädchen sucht Firmpatin ...“. Und sie hatten Glück. Auf die Suchanzeige hin meldete sich am 26. April 1901 eine gewisse Frau Anna Blätte, Gastwirtsgattin aus Milbertshofen in der äußeren Schleißheimer Straße. Ihre Antwort schrieb sie auf eine Postkarte, die zur Erinnerung seither aufgehoben wird. “Auf Ihre Anoce teile ich Ihnen mit, daß ich die Pathenstelle des armen Mädchens vertrete. Sie soll sich am Sonntag vorstellen, betreff: Weiterer Besprechung. Anna Blätte”. Sicher wurde es ein schöner Firmtag. Bekannt ist, dass der Firmausflug nach Fürstenfeldbruck ging, von wo aus die Firmpatin und die Kathi gemeinsam an deren Eltern eine Postkarte nach Hause in die Kirchplatzstraße schickten.

Es entstand eine enge Freundschaft, die am 24.3.1905 jäh endete, als die Kathi mit 14 Jahren an Gehirnhautentzündung starb. Die Gastwirtschaft in Milbertshofen existiert noch immer. Heute heißt sie “Keferloher”. Doch der Name Blätte ist in Vergessenheit geraten.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 13.05.2003

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