Firmung

Daheim zerbrach man sich den Kopf, wer meinen Firmpaten machen könnte, und wir hörten schließlich auf den Rat der Tante, es doch beim Empl Anderl zu probieren, der nicht nur der reichste Bauer von Kirchtrudering sondern gleichzeitig ein ehemaliger Schulspezl meines Vaters war. “Bub, da musst schon selber hingehen, meinte die Mutter, und ich nahm all meine Schneid zusammen. Beim ersten zaghaften Anklopfen an der Haustür sprang mich ein großer schwarzer Hund an, als ich hineingehen wollte, und ich machte die Tür schnell wieder von außen zu. Da kam der Bauer selbst heraus, und ich trug ihm meine Bitte vor. “Bist dem Jakl sei Bua”, fragte er mich, und ich nickte schüchtern mit dem hochroten Kopf. “In Gott’s Nam’, Hansl, dann mach ich dir halt den Firmpaten”, und ich soll ihm nur sagen, wann es so weit ist. Was hab ich doch für ein Glück gehabt. Wär’ nämlich seine Frau herausgekommen, könnt’ es leicht möglich gewesen sein, dass sie mich mit einer fadenscheinigen Ausrede abgewimmelt hätte.

Nach einer eifrigen Vorbereitung auf diese Gnadenstunde meldete ich mich am Morgen des Firmtages, sauber gewaschen und gekampelt beim Herrn Paten. Ich hatte wieder meinen Kommunionanzug mit der kurzen Hose vom letzten Jahr angezogen bekommen, allerdings nicht mit den langen schwarzen Strümpfen, sondern dieses Mal mit weißen Kniestrümpfen. Die erste Autofahrt in meinem Leben machten wir in seinem Mercedes zur mächtigen Gabrielskirche in Haidhausen, wo ich vom Herrn Weihbischof Johannes Neuhäusler gefirmt wurde. Bei dieser Zeremonie stand der Firmpate hinter mir und legte seine rechte Hand auf meine rechte Schulter. Der Bischof legte mir die Hand auf das Haupt und sprach mich mit meinem Taufnamen an, salbte meine Stirn mit dem heiligen Chrisam und berührte meine Wange, um mir mit diesem symbolischen Backenstreich einen tapferen Sinn zu verleihen. Anschließend fuhr der Herr Pate mit mir zum Franziskaner, gleich hinter der Residenz, ,wo er eine noble Weißwurstbrotzeit spendierte. Zum Mittagessen, das wir auf dem Hof einnahmen, hatte ich mir eine Zwerchrippe, wie sie die Mutter daheim in der Suppe immer mitkochte, gewünscht. Vorher aber bekam ich als Firmgeschenk ein Gebetbüchlein mit der Aufschrift “Blüten inniger Andacht” und eine Kienzle Armbanduhr mit drei Steinen, die ich gleich hintun durfte. Am Nachmittag machten wir einen Firmausflug an den schönen Tegernsee, und während der Herr Pate die Gelegenheit nutzte, sich nach einem Haus umzuschauen, das er käuflich erwerben wollte, durfte ich mit der Frau Empl - welch hohe Ehre - auf dem See Schifferl fahren und anschließend zum Eisessen ins Café gehen. Nachdem wir im Rasthaus am Irschenberg , das es damals schon gab, noch einmal eingekehrt waren und mir vom Limo und den Wiener Würstln beinahe schlecht geworden wäre, fuhren wir wieder heim, hielten aber am Rand der Autobahn noch einmal kurz an, weil sich die “gnädige Frau”, wie sie vom Ober vorher genannt worden war, vom Schlehdornstrauch ein paar Blütenzweige abreißen wollte. Auf meiner neuen Uhr hatte der Stundenzeiger die Neun bereits überschritten, als ich wieder heimkam und viel zu erzählen wusste.

Während die Uhr nicht viel taugte und längst kaputt gegangen ist, hat das Gebetbüchlein mit dem Eintrag: “Erinnere dich manchmal im Gebet an deinen Firmpaten Andreas Empl, 21. Mai 1953, die Zeit überlebt.

Hans Lehrer