Auf dem Flohmarkt

Im Krieg gingen sie kaputt, in der schlechten Zeit tauschte man sie gegen Nahrungsmittel, in den fünfziger Jahren warf man sie als altes Graffel weg und spätestens ab den siebziger Jahren wurden sie auf den Flohmärkten wieder als Sammelobjekte geschätzt. Gemeint sind die alten, oft über Generationen hinweg vererbten Sachen, die früher jedes Heim schmückten oder sonst wie gute Dienste leisteten und sich wegen ihrer zunehmenden Rarität schön langsam zu begehrten Antiquitäten entwickelt haben.

Kürzlich besuchte ich wieder einmal einen dieser "Antikmärkte" in Keferloh, der dort jeweils am ersten Sonntag im Monat bei jedem Wetter im Freien stattfindet. Es wimmelte von Besuchern. Aber auch Händler und private Anbieter waren bis von weit hergekommen, um ihre "Schätze" zu präsentieren.

Gierig betrachten die ersten Käufer die verschiedenen Angebote, die auf langen Tapeziertischen vor ihnen ausgebreitet da liegen. Manche kommen schon ganz früh, wenn es noch dunkel ist und "helfen den Marktleuten beim Auspacken", indem sie mit einer Taschenlampe ungeniert in die fremden Kofferräume leuchten, um am liebsten gleich dort noch mit dem Wühlen zu beginnen, damit ihnen ja kein Trumm durch die Lappen geht. Mit Kennerblicken prüfen sie die verschiedenen Stücke und entpuppen sich oft selbst als Händler, die nach Schnäppchen Ausschau halten, um damit den eigenen Bestand aufzustocken oder ihre persönlichen Sammlungen zu vergrößern. Gott sei Dank haben die Leute verschiedene Sammlergebiete, so dass für jeden etwas da ist und auch für jeden noch etwas übrig bleibt. Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass auch in mir eine Sammlerleidenschaft steckt, die mich auf die Flohmärkte treibt. Beim Anblick der alten Gegenstände werden aber auch Erinnerungen wach, die mich auf einen Ausflug in die Vergangenheit begleiten. Gerne krame ich in den Bücherkisten und habe schon manches alte Schulbuch herausgefischt, das wir früher in der Schule nur leihweise bekamen und am Ende vom Schuljahr wieder abgeben mussten. Für das Erstklass-Lesebuch aus dem Jahre 1948 verlangt der Händler einen Hunderter, aber das ist es mir wert. Die heutigen Pädagogen könnten sich an unseren früheren Lesebüchern ruhig ein Beispiel nehmen. Da standen wenigstens noch lehrreiche Geschichten, alte Weisheiten, Sprüche und Gedichte drin, die mitunter auch in bayerischer Mundart verfasst waren und die Kinder schon frühzeitig mit heimischer Tradition und hiesigem Brauchtum vertraut machten. Ab und zu finde ich ein altes Kinderbuch, aus dem mir meine Mutter einst vorgelesen hatte und frage nach dem Bilderbuch vom "Männlein Mittenzwei", das mir aus meiner frühen Kindheit in besonderer Erinnerung ist.

An einer anderen Ecke des Flohmarktes stoße ich auf Bilder längsvergangener Zeiten, die in alten, verschnörkelten Rahmen stecken. Die darauf abgebildeten Personen werden es sich auch nicht erträumt haben, mit ihren Portraits später einmal hier zu landen, um auf einen Käufer zu warten. Für vierzig Mark nehme ich ein Hinweisschild mit, das im Jahre 1934 in einer Wirtschaft in Haag gehangen ist. Der damals brisante Text besitzt auch heute noch bei uns Trachtlern Gültigkeit:

"Es wird ersucht, im Interesse des Friedens und der Gemütlichkeit, das Politisieren in diesem Lokal zu unterlassen!"
Der Gastwirt

In der Zwischenzeit habe ich meinen fünfjährigen Enkel Philipp verloren, der sich selbständig gemacht hat und schließlich vor einem Stand auftaucht, an dem es kleine Spielzeugautos gibt. Sammlerstücke natürlich, aber der Bub kapiert das noch nicht. Bevor er zu heulen anfängt, kaufe ich ihm das Modell eines Cabrios, Marke "Ford Thunderbird" in Miniaturgröße, für dessen Preis wir im Kaufhaus drei neue Flitzer bekommen hätten. Wenigstens gibt er jetzt eine Ruhe, und ich kann mich weiter umsehen. Musik dringt an mein Ohr. Sie kommt aus einem alten Grammola, auf der die Platte, "Heimat deine Sterne ... " abgespielt wird. Alte Ansichtskarten wecken mein Interesse, deren Preise aber "geschmalzen" sind. Trotzdem schaue ich, ob eine von Dorfen dabei ist. Beim alten Porzellan will ich gleich erst gar nicht nach dem Preis fragen und zum Herunterhandeln bin ich zu phlegmatisch. Ein alter seidener Sonnenschirm, wie ihn meine Urgroßmutter vielleicht benutzt hatte, geht günstig her. Schließlich erwerbe ich doch noch einen Porzellanteller mit Zwiebelmuster, der die Aufschrift trägt: "Unser täglich Brod gieb uns heute". Bei allen Sammlerstücken aber, deren Ursprung nicht eindeutig feststellbar ist, lasse ich lieber die Finger davon; denn sie könnten gefälscht sonder nachträglich verändert worden sein. Zu meinem Enkel sage ich, dass man nicht gleich alles kaufen muss, was einem gefällt und gestehe mir dabei ein, dass diese Worte auch von mir beherzigt werden sollten. Ich blättere in den alten Kinoprogrammen und schaue, welche Filme ich nach dem Krieg bereits als Kind gesehen habe und wie die Schauspieler hießen.

Zu meinem Leidwesen entdecke ich auch viele Sachen, die wir alle schon selber einmal hatten und beim "Ausmisten" irgendwann weggeworfen haben. Sie wären jetzt etliches wert, aber wer hat schon so viel Platz, dass er alles aufheben kann?

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 26.05.2003

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