Als Gänsebub in der Axmühle

Im Mai 1876 kam der Pauli als Gänsebub in die Axmühle in der Holledau. Besser hätte er es nicht erraten können; denn auf seinem neuen Platz ging es ihm gut, während er daheim, wo nur Not und Elend herrschten, immer wieder zum Betteln geschickt wurde. Für die Leute in der Mühle machte ihm sein Vater ein kleines zweirädriges Wägelchen, mit dem er fast jeden Tag ein kleines Fässchen Bier beim Koppbräu in Mainburg direkt vom Lagerkeller holen musste. Wie freute er sich da, wenn er vom Herrn Bräumeister hie und da einen frischen Schluck bekam. Bei den Müllersleuten war er sehr gern. In die Schule musste er bis zur Vakanz nach Lindkirchen gehen.

Ansicht der Axmühle

Auch einen Lohn hatte seine Mutter für ihn ausbedungen, sieben Gulden, ein Paar Schuhe, einen Schurz und ein Hemd. Außer zwei Stallmägden waren keine Dienstboten da. Hatten die Müllersleute doch selbst sieben Söhne und eine Tochter. Franz der älteste, schaffte an. Einer war Obermüller, einer Handknecht. Die anderen beschäftigten sich mit der Landwirtschaft oder waren abwechselnd als Müller irgendwo in Stellung. Mutter und Tochter arbeiteten im Haus. Waren nach der Erntezeit die Felder und Wiesen abgeräumt, brauchten die Gänse nicht mehr gehütet zu werden. Da durfte der Bub dann bei allen Arbeiten mithelfen, sowohl am Sägwerk als auch in der Mühle, dann wieder auf dem Feld und im Hopfengarten. Es gefiel ihm, wenn man ihn mit den Pferden nachfahren ließ, zum Kleeholen brauchen konnte oder beim Heueinfahren zupacken ließ. Auf dem Sägewerk waren Lohstampfen eingerichtet. Für die Gerber wurden Eichen- und Fichtenloh gestampft. Alle diese Arbeiten, bei denen er gerne dazuhalf, machten ihm große Freude.

Doch einmal wäre ihm das Pferdefuhrwerk beinahe zum Verhängnis geworden. Er musste zum Hopfengarten hinausfahren um Hopfen zu holen. Damals war es üblich, dass man auf den Wagen sogenannte Fuhrkrätzen legte, die aus Weiden geflochten waren und die Form des Wagens hatten. Mit ihnen konnten keine Hopfendolden verloren gehen. Der Bub lehnte sich an den Fuhrkrätzen, der plötzlich nach vorne überschnappte. Er kam mit dem Kopf auf dem hinteren Teil der Deichsel zu liegen und wäre beinahe unter den Wagen gefallen. Er schrie immer "ö, ö", aber die Pferde blieben nicht stehen, sondern gingen ihren Pass weiter. Endlich erreichte er mit den Füßen den Boden und brachte die Pferde zum Stehen. Bis er wieder richtig oben saß, hatte er Todesängste ausgestanden. Wie leicht hätte er zum Krüppel werden oder vielleicht sogar tot sein können. Aber sein Schutzengel hatte ihn nicht verlassen. Und er kam am Hopfengarten glücklich an und auch nach Hause.

Er mochte es überhaupt nicht gern, wenn er am kleinen Tisch essen und im einzelnen Bett schlafen musste. Obwohl er eine eigene Kammer hatte, mit einem guten Bett, hätte er lieber bei den zwei Söhnen Johann und Karl geschlafen, die ihr Bett im Pferdestall hatten. Ihn störte es wenig, wenn es dort gestunken und gerasselt hat und das Bett womöglich feucht und schwer war. Gerade da hätte es ihm gefallen. Auch beim Essen wäre es ihm lieber gewesen, nicht am kleinen Tisch bei der Tochter Anna und der Müllerin zu sitzen, sondern am großen Tisch bei den anderen. Immer wieder lurte er hinüber, bis sein heimlicher Wunsch in Erfüllung ging und er beim großen Haufen sein konnte. Auch durfte er jetzt ab und zu bei den Söhnen im Pferdestall schlafen.

Nach Feierabend badeten sie im Mühlschuss oder spielten mit den Sägbäumen, die abgehobelt, einer neben dem anderen, beim Sägewerk im Wasser lagen. Mit den beiden jüngeren Söhnen hüpfte er auf den Sägbäumen von einem Ufer auf das andere und wieder zurück. Der Pauli war damals noch nicht ganz zehn Jahre alt und konnte dieses Spiel noch nicht so gut, wie die anderen. Trotzdem machte es ihm großen Spaß. Eines Tages, als er ganz allein war, kam ihm der Einfall, nicht nur immer quer von einem Ufer auf das andere zu springen, sondern auf einem Baum der Länge nach zu spazieren. Fast schon am Ende des Stammes angelangt, drehte sich der Baum und der Bub fiel jämmerlich in das zwei Meter tiefe Wasser. Zum Glück konnte er gerade noch das Ende des Baumes erwischen, wo er etwas Halt fand. Schreien konnte er nicht. Steckte er doch so tief im Wasser, dass es ihm teilweise in den Mund lief. Sein einziger Gedanke war, dass er jetzt ertrinken müsse; denn seine Kräfte waren schon so erschöpft, dass er jeden Augenblick den Stamm auszulassen drohte. Durch Zufall kam der Obermüller aus der Mühltüre, schaute so über das Wasser und erblickte den Buben in seiner gefährlichen Lage. Schnell nahm er eine Latte, kam dahergelaufen und streckte sie ihm hin, ehe er ganz unterging. So konnte er den Buben von dem nassen Element befreien. Es lässt sich denken, was dieser für ein Gesicht machte, als er über sein leichtsinniges Tun und Treiben nachdachte.

So verging der Sommer und der Herbst nahte schon heran. Wieder kam der Martinitag, wo es hieß, von dem guten Platz in der Mühle Abschied zu nehmen. Der Pauli musste sich dass Blashorn umhängen, die Hirtenpeitsche wieder in die Hand nehmen und den Schweinen und Schafen nachrennen.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 26.04.2003

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