Gebetbüchl für alte Leut'

"Jeder Mensch, welcher weise sein will, muss seine Tage zählen; denn niemand, wenn er auch noch so gesund ist, weiß, wie viele Tage er noch zu leben habe. Allein, wenn auch der junge Mensch keine Gewissheit hat, ob er noch viele oder wenige Tage vor sich hat, so weiß doch jedenfalls derjenige, welcher die Beschwerden des Alltags fühlt, mit Gewissheit, dass er nur mehr auf wenige Tage zu zählen hat. Daher ist die Torheit jener Leute doppelt beklagenswert, welche selbst im Alter den Gedanken an den Tod gar nicht ertragen, noch ans Sterben denken wollen ... "

Diese Worte, die aus dem Jahre 1863 stammen, bilden die Vorrede zu einem Gebetbüchl für alte Leut', das einst meiner Großmutter gehört hat. Die Texte wurden in übergroßen Lettern gedruckt, weil mit dem Alter die Augen nachlassen und sich dazumal nicht jeder ein teures Augenglas leisten konnte.

Tagaus, tagein besuchte Großmutter die Frühmesse und ließ auch keine Andacht, Fastenpredigt, die Bittgänge oder gar den Rosenkranz aus. Sie hatte ja jetzt Zeit. Die erwachsenen Kinder waren schon längst aus dem Haus, und vor nicht allzu langer Zeit war ihr der Mann gestorben; ein herber Verlust, den sie nicht verwinden konnte. Die kurze Zeit, die sie selber noch zu leben hatte, wollte sie umso eifriger für die Ewigkeit nutzen und sich mit dem lieben Heiland vertraut machen.

Das war nicht immer leicht. Besonders im Winter, wenn tiefer Schnee lag, bahnte sie sich mühselig einen Weg, um dann in der eiskalten Kirche zu knien, die so kalt war, dass der ausgestoßene Atem sichtbar wurde und sogar das Nasentröpfl hie und da einfror. Da half es auch nicht viel, wenn man den warmen Hauch zwischen die gefalteten Hände blies; drohten doch die Zehen in den eiskalten Schnürschuhen einzufrieren. Nie jedoch kam ein Seufzer über ihre Lippen. Auch dann nicht, als sie sich in der kalten Kirche eine Lungenentzündung geholt hatte und sterbenskrank darniederlag.

Auf der letzten Seite des Gebetbüchls stand der Kreuzweg, wo Jesus an der 14. Station ins Grab gelegt wird. In ihrem harten, entbehrungsreichen Leben war das auch für die Großmutter die letzte Station, die sie sich zum Schluss gottergeben gewünscht hatte.

Hans Lehrer