Geheimnisvoller Abend

Geheimnisvoller Abend

In der volkstümlichen Überlieferung, besonders bei den Sagen, ist der Abend ein Teil der Nacht und erstreckt sich vom Sonnenuntergang bzw. Gebetläuten bis zum Schlafengehen. Bereits am Abend zeigen sich fast alle jene Geister, denen die Nacht gehört und deren Macht um Mitternacht am größten ist. Zwerge beginnen auch schon am Abend, wie die eigentlichen Hausgeister, ihr geschäftiges Werken in Haus und Hof. Mit Eintritt des Abends beginnt aber auch der Teufel seine Tätigkeit, setzt mitunter schon das Treiben der Hexen ein. Der Abend ist die Zeit, wo die armen Selen und die ruhelosen Toten erscheinen. Die verstorbene Mutter sorgt für ihr Kind, der tote Bräutigam holt die Braut und jeder, der die Ruhe der Toten am Friedhof in den Abendstunden stört, findet seine Strafe. In dieser Zeit zeigen sich auch Grenzsteinversetzter, Selbstmörder und Ermordete oder unter schrecklichen Umständen ums Leben Gekommene. Abends eilen die Seelen ungetaufter Kinder herbei und zeigen dem Wanderer den Weg zu einem Wasser, damit er sie taufe. Und wie das Auge am Abend mancherlei Seltsames sieht, so hört auch das Ohr rätselhaftes Lärmen und Geräusch an gewissen Plätzen. Um die Kinder zu zwingen, mit Einbruch des Abends nach Hause zu kommen, erinnert man sie an Schreckgespenster. In Tölz lässt der Mesner, in Mittenwald der Marktschreiber bei Einbruch der Dämmerung die Wölfe aus, und ich erinnere mich noch deutlich an die Drohungen meiner Mutter, der Wolf würde mich fressen, wenn ich nach dem Gebetläuten nicht gleich heimkäme.

Jenen aber, die abends im Freien mit unbedecktem Haupte herumgehen, kann es passieren, dass Fledermäuse in die Haare kommen. Eine solche Feldermaus, die sich in den Haaren verfängt, ist schwer zu entfernen. Man muss sie gewaltsam losreißen und büßt hierbei seine Haare ein, wenn man es nicht vorzieht, diese ganz abzuschneiden. Besonders böse Folgen hat der Angriff der Feldermaus auf die Haare in Tirol. Ein Mädchen, dem die Fledermaus schon im Haar gesessen, muss ledig bleiben.

Wie tröstlich, dass es das Abendgebet gibt. Ein Kind, das sein Abendgebet gesprochen hat, wird nachts von Engeln behütet, während andere Kinder vom Teufel heimgesucht werden.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 02.03.2003

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