Gottesfurcht und Menschenliebe

Gottesfurcht und Menschenliebe

Johann Heinrich Pestalozzi, dessen Name uns allen wohl vertraut sein dürfte, wurde 1746 in Zürich geboren und starb nach einem wirkungsreichen Leben im Jahre 1827 in Aargau. Er war bekannt als ein "Vater der Bettelkinder", der eine Armenanstalt gründete und sie zu einer Zufluchtsstätte für die Ärmsten im Lande machte. Von allen Seiten wurden dem "Retter der Armen" verwahrloste Kinder zugeführt. Er selbst raffte alle, die er finden konnte, aus dem Elend und von der Gasse auf. Bis auf fünfzig stieg die Zahl der armen Kinder, die in seinem großen Hauswesen zu Neuhof eine Heimat fanden. Im Sommer wurden sie angehalten, das Land zu bebauen und die Feldarbeit zu tun, im Winter aber aus Baumwolle Garn zu spinnen und Tuch zu weben. Daneben lernten sie beten, lesen, schreiben, rechnen und reden.

Ebenfalls aus dieser Ecke der Schweiz stammte mein Ururgroßvater Johann Bodmer, der vor zweihundert Jahren in Hombrechtikon auf die Welt kam und als Kind mit seinen Eltern und Geschwistern die Heimat verlassen musste, weil sein Vater dort vergeblich für Recht und Freiheit gekämpft hatte und deshalb verfolgt wurde. In Feldkirchen, unweit von München, konnte die Familie Fuß fassen. Die sechs Kinder wuchsen zu tüchtigen Leuten heran. Doch nur der zweitälteste Sohn, eben jener Johann Bodmer, blieb zeitlebens Feldkirchen treu und wurde später durch den Ankauf des Kellmairhofes mit 37 Tagwerk Wiesen- und Ackerland, dort ansässig. Die Gemeinde nahm diesen schlichten einfachen Mann nicht nur wegen seines ersparten Vermögens von 1 500 Gulden sondern auch wegen seines unermüdlichen Fleißes gerne auf.

Immer mehr aber machte sich mein Vorfahre den Kinderfreund Pestalozzi zu seinem Vorbild und verlor zu keiner Zeit das Verantwortungsgefühl für die Schwachen und Benachteiligten. Er und einige andere Familien begannen arme Kinder aufzunehmen, die elternlos waren oder in traurigen Verhältnissen lebten, um ihnen wieder eine freundliche Heimat zu geben. In der guten Luft, bei der einfachen aber gesunden Nahrung und liebevollen Pflege gediehen sie bald zu fröhlichen Menschenkindern, das zeigten dir roten Backen, die hellen Augen.

Johann Bodmer machte Feldkirchen weit herum bekannt, indem er den Bauernhof der nach Amerika ausgewanderten Familie Klingler für 3.800 Gulden käuflich erwerben konnte und diesen kostenlos für die Errichtung eines Kinderrettungshauses zur Verfügung stellte. Ihre Majestät Königin Marie übernahm das Protektorat, nachdem sie vorher schon einen Gründungsbeitrag von 1000 Gulden gestiftet hatte. Und so konnte am 4. April 1853 in Anwesenheit der Königin die Rettungsanstalt Feldkirchen, der nach pestalozzischem Prinzip ein landwirtschaftlicher Betrieb angeschlossen war, mit zehn Kindern eröffnet werden.

Während diese gemeinnützige Stiftung allen Stürmen der Zeit standhalten konnte und das Kinderheim als heilpädagogisch orientierte Stätte auch heute noch seine Pforten offen hält, waren dem Begründer nur 56 Lebensjahre vergönnt gewesen. Johann Bodmer starb am 25. April 1856 in Feldkirchen.

In der Leichenrede wurde er als Christ gewürdigt, der in tiefster Demut für sich und seine Taten nicht Dank und Lob verlangte, der bei allem was er tat nicht seine, sondern des Herrn Ehre suchte und dem ein Wort der Anerkennung für sein Wirken stets mehr lästig als angenehm war.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 02.07.2003

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