Drunt in der greana Au ...

Mehr als hundert Jahre sind es schon her, dass meine Großeltern all ihre Ersparnisse zusammenkratzten, um sich in der Au eine Herberge zu kaufen. Sie wurden damit nicht etwa Besitzer eines ganzen Gebäudes oder gar eines Gasthauses, wie man vielleicht annehmen möchte, sondern nur eines Stockwerkes in einem Wohnanwesen mit mehreren solcher Herbergen, die bereits Ähnlichkeit mit unseren heutigen Eigentumswohnungen besaßen. Nur der untere Teil des nicht unterkellerten Hauses war gemauert. Der Oberstock, umgeben von einer Altane, bestand bis zum Giebel aus Holz. Jedes Stockwerk hatte seinen eigenen Eingang über eine schmale von außen hinaufführende Stiege von der Straße her. Für die siebenköpfige Familie war diese Wohnung im ersten Stock, auf Hausnummer 17 in der Kirchplatzstraße, bestehend aus einem Vorplatz, einer Holzlege, der Küche, dem Schlafzimmer, einer Kammer und einem Giebelstübchen, wegen der niederen kleinen Räume mit schlechten, teilweise hängenden Fußböden und der mangelhaften Luft- und Lichtzufuhr sicher nicht nur unbequem sondern darüber hinaus auch ungesund, da es an den primitivsten Hygienebedürfnissen mangelte. Ein eigener Abtritt fehlte ganz. Die Hausabortanlage und der Pumpbrunnen befanden sich hinter dem Haus. Zusätzlich aufgestellte Häfen und Leibstühle, sog. Nachtkästen und eiserne Kübel, deren Inhalte bei Anbruch der Dunkelheit in den Auer Mühlbach entleer wurden, verpesteten die Luft. Viele Erdgeschosswohnungen waren feucht und es gab überall Ungeziefer wegen der herumliegenden Abfälle. Ein Herd befand sich nur in der Küche, und da auf den meisten Öfen das ganze Jahr über gekocht wurde, bewirkten sie besonders an heißen Sommertagen eine lästige Hitze. Im Winter aber herrschte in der Schlafkammer eisige Kälte, die Fensterscheiben waren mit dicken Eisblumen bedeckt und an den Wänden glitzerte der Reim. Bevor man die kleinen Kinder aufs Haferl setzte, wurde etwas heißes Wasser hineingegossen, damit sie nicht gar so froren. Das enge Zusammenleben führte bei beiden Geschlechtern zwangsläufig zu einer überdurchschnittlichen Frühreife, förderte aber auch das Entstehen so urwüchsiger Originale wie den Kare und Lucki oder den "Stolz von der Au".

Gemütlich ging es dagegen nach Feierabend zu, wenn mehrere Herbergsfamilien vor ihrem gemeinsamen Haus hockten und miteinander plauderten. Waren größere Gruppen von Nachbarsleuten beisammen, denen das Bier schmeckte, wurde vom Wagnerbräu in der Lilienstraße ein Faßl geholt und angezapft.

Aus den Erzählungen weiß ich aber, dass die Menschen in den Herbergen so genügsam und bescheiden lebten, wie wir uns das heute gar nicht mehr vorstellen können. Viele von Ihnen waren als Kleinhandwerker oder Taglöhner beschäftigt und arbeiteten meist als Zimmerleute, Maurer, Schreiner, Holzhacker, Strumpfwirker, Regenschirmmacher oder waren Hadern- und Lumpensammler. Aus der Au stammten jedoch auch bedeutende Persönlichkeiten, wie der Komiker Karl Valentin, der 1882 in einem schlichten Vorstadthaus in der heutigen Zeppelinstrße 41 auf die Welt kam und das Schreinerhandwerk erlernte, das er später an den berühmten Nagel hängte, der noch heute in seinem "Musäum" zu sehen ist.

Eine Überprüfung im Mai 1914 ergab, das es in der Au noch 841 Herbergen gab; 86 in gemeindlichem und 755 in privatem Besitz. Die Bevölkerung war immer für den Erhalt dieser Herbergen, die stets ein Stück alter, urmünchnerischer Geschichte verkörperten. Nirgends war die Zeit so lebendig wie hier. Da gab es noch schmale Sträßchen mit einstöckigen aneinandergeklebten Häusern, kleinen Wasserläufen, über die hölzerne Brücken führten und bescheidenen ländlichen Vorgärten.

Der zweite Weltkrieg entschied sich allerdings gegen die alten Häuser. Während der Luftangriffe in den Jahren 1943 und 1944 sanken die meisten Auer Herbergen für immer in Schutt und Asche.

Hans Lehrer