Heimarbeit

(Diese Geschichte möchte ich meiner lieben Schwester Paula widmen)

Eine Zeitlang hielt uns meine ältere Schwester über Wasser, als Vater nur 36 Mark Krankengeld in der Woche bekam, der Bruder als Schreiner keine Arbeit fand und ich gerade einmal neun Jahre alt war. Kurz zuvor hatten wir ein Häusl gebaut, das hint' und vorn noch nicht fertig war, in das wir aber trotzdem einzogen, weil uns das Geld ausgegangen war. Es fehlte einfach am nötigsten, so lange zumindest, bis die Schwester als Schneiderin endlich für ein paar Mark, mit denen sie zum Haushaltsgeld beisteuerte, eine Heimarbeit fand und Tag und Nach auf Großmutters alter Singer-Nähmaschine nähte und nähte, bis die Nadel glühte. Es entstanden dabei die schönsten Jackenkleider, Plisseeröcke, Blusen, Kostüme ... , die alle bereits zugeschnitten waren und nur zusammengenäht werden mussten. Gerne schlüpfte meine Schwester selber manchmal in ein zauberhaftes Abendkleid, kam ins Träumen dabei und fühlte sich für einen kurzen Augenblick als feine, elegante Dame, um dann schnell wieder ins Aschenputteldasein zurückzukehren.

Unsere Küche verwandelte sich in eine Schneiderwerkstatt, und wir mussten aufpassen, dass kein Speisefleck die empfindlichen Kleiderstoffe ruinierte, wie selbiges Mal, als bei einem Streit unter Geschwistern, was leider öfters vorkam, ein Stückchen Kartoffelsalat auf den empfindlichen Marocainstoff fiel und einen hässlichen Fleck hinterließ, der nicht mehr herausging.

Mutter und ich halfen bei der Heimarbeit fleißig mit, und während sie die einzelnen Teile bügelte, musste ich vierfach einfädeln, damit keiner der gut angenähten Jackenknöpfe jemals wieder abreißen konnte. Oft stöhnte die Schwester wegen der vielen Arbeit, die sie sich aufgebürdet hatte, und es war mir überhaupt nicht recht, dass sie für mich fast gar keine Zeit mehr fand. Dass wir mit ihrem Verdienst unser Auskommen hatten, leuchtete mir nicht ganz ein, und ich bekam auf diese Heimarbeit eine regelrechte Wut, die schließlich darin gipfelte, dass ich meine Schwester beinahe brotlos gemacht hätte. Die fertigen Kleider wurden jedes Mal fein säuberlich in einen Koffer gelegt, und einer von der Familie schwang sich aufs Rad, um die Heimarbeit bei der Firma Guth und Lindert in der Josefsburgstraße abzuliefern. Da auch ich schon ab und zu diesen Auftrag übernehmen durfte, kam mir die Gelegenheit gerade recht, einmal meinem Ärger Luft zu machen und der Frau Zischek, die jedes einzelne Stück genauestens inspizierte, so richtig meine Meinung zu sagen. Auf ihre etwas spitze Bemerkung hin, warum es nicht mehr sei, platzte mir endgültig der Kragen, und ich sagte trotzig aber bestimmt, dass das reichen müsse, "oder glauben Sie, dass meine Schwester wegen Ihnen einen Nervenzusammenbruch kriegen soll?" Für kurze Zeit herrschte eisige Stille im Raum. Während andere Heimarbeiterinnen, die hinter mir standen zustimmend mit dem Kopf nickten, und sich über mein ungewöhnliches Auftreten insgeheim freuten, war die Geschäftsleitung sichtlich empört und ließ meiner Schwester später mitteilen, dass sie ja gar nicht gezwungen werde, für diese Firme zu arbeiten und jederzeit aufhören könne.

Daheim aber musste ich mir die heftigsten Vorwürfe anhören und es war nicht gerade schmeichelhaft, für ein vorlautes Kind gehalten zu werden.

Hans Lehrer