Hochzeit

Mehr als fünfzig Jahre ist es schon her, dass der Ilmberger Franz-Xaver aus Jetzendorf, der aus dem Wagneranwesen stammte, in den Stand der Ehe getreten ist. Recht groß war sein Besitz, gleich unterhalb vom Schloss, am Parkweg 3, der ihm von seiner Mutter vorher noch übergeben worden war und in den die Neugschwender Maria aus Alberzell hineinheiraten sollte, gerade nicht; denn zwölf Tagwerk sind halt nun einmal nicht viel. Allerdings konnte das Anwesen, bestehend aus einem Wohnhaus, dem Stall, einem Stadel und einer Werkstatt auf eine lange Tradition zurückblicken; denn schon über Jahrhunderte hinweg befand sich das Gütl im Besitz von Wagnern, und das Wagnerhandwerk gehörte damals noch zu den typischen Handwerken auf dem Land.

Zeitig in der Früh treffen die ersten Hochzeitsgäste von auswärts ein, die mit dem Zug in Petershausen angekommen sind und die letzten paar Kilometer zu Fuß nach Jetzendorf zurückgelegt haben. Als sie die niedere Kuchl betreten, sitzt die alte Mutter ganz allein drin. Sie begrüßt die Gäste, fragt wo sie herkommen und wirft dann einen besorgten Blick auf die alte Uhr an der Wand, deren Perpendikel es an diesem Tag besonders wichtig zu haben scheint und die Zeiger ungeduldig antreibt. "Der Bräutigam ist noch im Stall", seufzt sie, "bei der Kuh, die in der Früh schon gekalbt hat." Da erscheint er endlich, der Franz, der allerdings von oben bis unten Stern voll Dreck ist. Jetzt pressiert's aber meint die Mutter und bittet doch glatt die versammelte Gesellschaft, ihrem Buam beim Anziehen zu helfen. "So, wie der ausschaut, braucht er zuerst ein Bad", meint kopfschüttelnd ein junges Dirndl, das ebenfalls aus der Stadt gekommen war. Sie sucht für die Stiefel des Hochzeiters überall nach ein paar Schuhbandl. "Du wirst schon was finden", meint die Mutter, und das Dirndl schneidet von einer schwarzen Schnur zwei gleich lange Teile ab und zieht sie in die Schuhe ein, die sie vorher noch sauber geputzt hat. In der Kommode findet sie ein zerknittertes Hemd und eine Krawatte. Aus dem Kasten nimmt sie den ausgeliehenen Anzug heraus, der noch aufgedämpft werden muss und ruhig ein paar Nummern größer sein könnte, wie sich bald herausstellt. Zeit bleibt nicht mehr viel; denn die Braut kann jeden Augenblick mit ihrer Verwandtschaft eintreffen, und um zehn Uhr fängt schon die Kirche an.

Für den Hochzeitsschmaus hat sich der Postwirt heute etwas ganz besonderes einfallen lassen. Zum Fleisch serviert er als Beilage keine Knödel oder etwa einen Kartoffelsalat sondern einen Reis, mit dem er aber nicht viel Lob erntet; denn "was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht." Und so ruft schließlich die Mooskramerin zum Lederer Sepp hinüber, dass der Wirt sein "Hennafuada" ruhig selber essen könne.

Ja, urig bayrisch ist es bei den Jetzendorfern schon immer zugegangen, auch ohne die Jetzendorfer Hinterhofmusikanten.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 08.05.2003

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