Im Kino

Schon bald nach dem Krieg, als sich die Leute vom größten Schrecken wieder etwas erholt hatten , räumte der Wirt seinen großen Saal im ersten Stock aus und machte ein Kino daraus. An die Hauswand über dem eigens dafür geschaffenen Eingang wurde groß

F I L M B Ü H N E

hingepinselt, ein zweiter Fußboden eingezogen, der hinten höher war als vorne, Stühle aufgestellt, so viele wie halt hineingingen, und die rückwärtige, nachträglich eingezogene zusätzlliche Wand mit zwei kleinen Öffnungen versehen, hinter denen der Filmprojektor aufgestellt wurde, dessen Lichtstrahl über die Köpfe der Zuschauer hinweg, die Filmleinwand am anderen Ende des Saales beleuchtete. Bei so vielen Kinobesuchern, die übrigens ungeniert während der Vorstellung rauchten, herrschte in dem niedrigen Saal meist eine dämpfige Luft, da man auch die verdunkelten Fenster nicht aufmachen durfte. Der rohgezimmerte Fußboden knarrte unter den schweren Schuhen ebenso wie die altersschwachen Holzstühle, sobald man sich darauf niederließ. Wenn im Saal langsam das Licht ausging, der rote Filmvorhang sich öffnete, die weiße Leinwand zum Vorschein kam und Zithermusik einsetzte, wurde es mucksmäuschenstill. Jeder verdrehte seinen Hals und versuchte, über den Kopf des Vordermannes hinwegzuschauen, um das Geschehen auf der Leinwand zu verfolgen, wo bei jeder Vorstellung gleich am Anfang der Hinweis eingeblendet wurde, dass sich die Besucher unbedingt im Besitz einer mit dem Steuersiegel versehenen Eintrittskarte befinden müssen. Ganz so selbstverständlich war das nämlich nicht; denn immer wieder gab es ein paar besonders Schlaue, die mit der Leiter heimlich über das Damenklofenster einstiegen, um sich in den Saal einzuschleichen. Nach einer kurzen Reklame und der Vorschau auf die Filme, die "demnächst in diesem Theater" gespielt wurden, erschien die "Fox tönende Wochenschau", mit einem Querschnitt der interessantesten Ereignisse auf der ganzen Welt. Ab und zu hörte man das Rascheln einer Bonbontüte, das Auspapierln einer Brotzeit oder gar eine laute Unterhaltung mit dem Nachbarn, die damit endete, dass ein paar Sitze weiter jemand energisch um Ruhe rief. Beim Hauptfilm wurde mitunter herzhaft gelacht, wurden Tränen abgewischt oder Angstschreie ausgestoßen, je nachdem, was im Film gerade zu sehen war. Trotz meiner sechs Jahre; die ich damals gerade erst geworden war, ließ ich mich von der flimmernden Welt des Films verzaubern. Fast jeden Sonntagnachmittag besuchte ich für 50 Pfennig die 3 Uhr Vorstellung und hatte meinen Stammplatz in der vordersten Reihe, von wo aus mir niemand die Sicht versperren konnte. Für mich war das der beste Platz im ganzen Kino, und ich verstand einfach nicht, wieso der erste Platz, der am meisten kostete, ganz hinten war und ich auf einem "Rasierplatz" saß, der von den Erwachsenen gemieden wurde. Mit der Zeit lernte ich viele Filme kennen, Kinderfilme, Heimatfilme, Komödien, verfilmte Operetten ... aber keine Wildwestfilme; denn das Schießen konnte ich schon damals nicht leiden. Bald kannte ich die Namen vieler Schauspieler auswendig und freute mich, wenn Marika Rökk zu steppen begann, Zarah Leander mit ihrer dunklen Stimme salbungsvoll ihre Schmachtfetzen in den Raum schmetterte, Willi Fritsch in einer romantischen Liebesszene seine Partnerin ganz harmlos küsste oder der unvergessliche Josef Eichheim im "Verkauften Großvater" seine Spaßetteln trieb. Nur ganz wenige Filme waren damals mit einem "Jugendverbot" belegt, und das Thema "saubere Leinwand" stand noch nicht zur Debatte. Wurde mir eine Szene zu unheimlich oder gar zu gefährlich, schloss ich einfach die Augen und hielt mir die Ohren zu oder schlich mich in den Nebenraum, wohin bereits andere Kinder geflüchtet waren. An ein paar Filme, bei denen ich besonders große Angst verspürte, kann ich mich noch gut erinnern. "Der Herr der sieben Meere" mit Errol Flynn als Hauptdarsteller war einer davon oder das verfilmte Märchen vom "Kleinen Muck" mit Gustl Waldau in der Titelrolle. Lustig hingegen ging es bei den beiden Komikern "Dick und Doof als Salontiroler" zu, während ich bei dem Film "Nachtwache" vor lauter Traurigkeit Rotz und Wasser heulte. In der Faschingszeit war das Kino leider geschlossen; dann wurde der Saal wieder für die verschiedenen Bälle hergerichtet. In Erwartung eines großen Geschäftes entstanden schräg gegenüber dem Gasthof im Jahre 1957 die Viktoria-Lichtspiele. Doch die Zeit der Nachkriegs-Kinoblüte dauerte nicht ewig und bereits 1963 wurde der letzte Film dort abgespult, bevor sich der Vorhang für immer schloss.

Das Fernsehzeitalter begann und bewirkte ein großes Kinosterben. Einmal in der Woche ins Kino gehen war früher ein Fest. Heute kann man im Fernsehen tagtäglich viele Filme sehen. Aber kann man jeden Tag Feste feiern ohne abzustumpfen?

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 05.06.2003

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