Im Leiterwagerl

In meiner Kindheit waren die Autos mit den großen Kofferräumen oder gar einem Anhänger noch eine Seltenheit. Damals war mehr so ein Leiterwagerl oder Heuwagerl, wie wir es auch nannten, eine feine Sach', ja während der schlechten Zeit sogar notwendig zum Überleben. Was hat man nicht alles heimgezogen? Holz und Kohlen für den Winter, im Herbst Kartoffelsäcke und Weißkrautköpfe - halt alles, was man nicht mehr mit bloßen Händen, auf dem Gepäckträger seines Fahrrads oder auf dem Buckel tragen konnte. Aus dem Wald brachte man dürre Prügel, Reisig und mit Tannenzapfen gefüllte Säcke heim; das Grünfutter und die Runkelrüben für die Goaßn und Schafe, den Getreidesack für die Hühner, den Mehlsack zum Backen, den Dung für das Wurzgartl, Zementsackl, Kalkwanndl, abgeklopfte Ziegelsteine, Sand und Bretter für die Bauerei ... und, wenn es sein musste, sogar den Vater, wenn er nicht mehr so recht auf den Füßen stehen konnte. Die Aufzählerei ließe sich weiter fortsetzen; denn früher lebte man nicht so bequem wie heute, wo das motorisierte Transportwesen gut funktioniert, wo die Wärme aus der Zentralheizung strömt oder Obst und Gemüse fein säuberlich abgepackt zu jeder Jahreszeit aus dem Supermarkt erhältlich sind. Früher hingegen war einer fein heraus, wenn er einen Heimgarten hatte und den Erntesegen mit seinem Heuwagerl nach Hause ziehen konnte.

Fast jeder von uns, der noch die Kriegs- und unmittelbare Nachkriegszeit miterlebte, hat bestimmt seine besonderen Erfahrungen mit diesem Gefährt gemacht. Viele, die nach dem Krieg ihre Heimat verlassen mussten, verstauten auf so einem Wagerl ihre verbliebenen Habseligkeiten und zogen damit oft lange Strecken quer durch Deutschland.

Ein Heuwagerl war schuld daran, das ich mit vier Jahren einen Wadenbeinriss erlitt. Aufgeladen mit Gemüse bis oben hinauf, sollte es mein älterer Bruder heimziehen. Da ich zu faul zum Laufen war, ließ ich mich oben noch drauf setzen, obwohl mir Mutter geraten hatte, lieber mit ihr zu gehen, da schnell etwas passieren könnte. Starrköpfig, wie kleine Kinder oft sind, blieb ich erst recht sitzen, um nach Hause gezogen zu werden. In einer scharfen Kurve war mein Bruder zu schnell gewesen, so dass der Wagen umkippte und mit den Rädern nach oben liegen blieb. Samt dem Gemüse purzelte ich heraus und kugelte mich auf der Straße. Der Wadenbeinriss war perfekt und das Heuwagerl wurde für den Krankentransport verwendet.

Jetzt steht dieses Heuwagerl schon seit langem in einer Ecke des Gartens, gut zugedeckt. Es hat ausgedient und wird nicht mehr benützt, höchstens wenn sich der kleine Philipp hineinsetzt und von mir gezogen werden will.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 28.01.2003

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