Im Schulbad

Einmal in der Woche wurden wir in der Schule gebadet, weil Sauberkeit bekanntlich die Gesundheit fördert und unsere schwarzen Hälse und dreckigen Füße ein Seifenbad dringend nötig hatten. Anschließend rochen wir auch besser, und in die sorgfältig frisierten Haare kehrte wieder der Glanz zurück. In einem Umkleideraum, der zusammen mit dem Baderaum fast die Größe eines Schulzimmers hatte, mussten wir uns ausziehen, wobei wir großen Wert darauf legten, dass beim Umziehen im unteren Körperbereich alles gut zugedeckt blieb; denn als Kinder hatten wir noch ein starkes Schamgefühl, und gegen das 6. Gebot wollten wir schließlich auch nicht verstoßen. Mit der Badehose bekleidet setzten wir uns an den Rand eines der drei viereckigen, länglichen Becken, die knietief mit Wasser gefüllt waren und weichten mindestens eine Viertelstunde lang unsere Füße darin ein, damit der Dreck zwischen den Zehen, der im Sommer vom Barfußlaufen und im Winter von den Käsfüßen stammte, auch wirklich herunterging. Anschließend öffnete Frau Heigl, unsere Badefrau, die Brausen über unseren Köpfen, so dass das Wasser an unserem Körper herunterlaufen konnte. Wir sparten nicht mit Seife und rieben uns tüchtig ein, bis wir wie Schneemänner ausschauten. Für die Haare hatten wir von daheim auch ein Shampoo mitgebracht, das in kleinen Kissen abgepackt war und für eine Kopfwäsche reichte. Natürlich ging es beim Baden furchtbar laut zu. Die Kinder schrieen während des Abbrausens ziemlich wild durcheinander, so dass sich unser Lehrer, der mit seiner Kleidung am Beckenrand stand, öfters die Ohren zuhielt und aufpassen musste, dass er nicht nass gespritzt wurde . Die größten Schreier und Faxenmacher bekamen allerdings eine Strafarbeit.

Obwohl auch wir daheim kein Bad hatten, sondern nur eine Waschschüssel, in der ich mir ab und zu den Hals und die Füße wusch, hängte mir die Baderei in der Schule, besonders im Winter, bald zum Halse heraus, und ich ließ es einmal darauf ankommen, indem ich zum Lehrer sagte, dass ich erkältet sei und ein Bad mir sehr schaden könne. Da ich aber nicht krank ausschaute, schleppte er mich kurzerhand zum Schularzt, der in der Schule ein Zimmer hatte, aber nur in den seltensten Fällen da war. Auch dieses Mal war der Raum zugesperrt und ich merkte, wie unser Lehrer innerlich nach einem Entschluss rang. Schließlich gab er nach und ich musste mich nicht ausziehen. Allerdings war er so wütend, dass er mir drohte, mein Abschlusszeugnis so zu "versauen", dass ich keine Lehrstelle bekommen würde. Sein Zorn war aber bald wieder verraucht; denn neben einer Zwei im Rechnen, die ich mit ihm ausgehandelt hatte, schrieb er mir ins Achtklass Zeugnis eine glänzende Bemerkung, die von meiner Mutter leicht angezweifelt wurde, als schwarz auf weiß drin stand, dass ich "gute Umgangsformen" hätte.

Heute geht unser Lehrer auf den Achtziger zu. Ich treffe ihn manchmal, und wir sind schon lange per Du. Ich darf zu ihm, der mit Nachnamen "Auer" heißt und aus dem oberbayerischen Haag stammt, "Josef" sagen und wir sind zwei gute Kameraden geworden.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 19.04.2003

Alle Bilder und Texte auf diesen Seiten sind urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck auch auszugsweise nur mit Genehmigung des Verfassers.