Ins Heilige Land vom Isarstrand

Die Sehnsucht nach dem Besuch der heiligsten Stätten unseres Glaubens hat in unserer bayerischen Heimat stets lebhaft bestanden. Da jedoch die Kosten für eine Palästinafahrt noch vor hundert Jahren schier unerschwinglich waren, beschloss der Bayerische Pilgerverein vom Heiligen Land, im Jahre 1904 die erste bayerische Volkswallfahrt für Männer und Frauen zu veranstalten. Wegen der günstigen Witterung zur See wurde die Reisezeit vom 25. Juli bis zum 15. August festgelegt. Patronin der Volkswallfahrt war Maria, die Schutzherrin Bayerns, deren Statue für den Hochaltar auf dem Schiff bestimmt war und auch nach Jerusalem mitgetragen werden sollte. Die Zahl der Pilger aus ganz Bayern war begrenzt auf fünfhundert Personen. Damit auch viele Leute aus ärmeren Schichten an der Pilgerreise teilnehmen konnten, wurden in der 3. Klasse 350 Plätze bereitgestellt, für die von jedem ein Pilgerbeitrag von 250,- DM zu leisten war. Trotzdem trafen die Anmeldungen, besonders für die unterste Klasse, zunächst nur zögernd ein; es war halt damals eine alte Erfahrungssache, dass einfache Leute aus dem Volk sich schwer zu einer größeren Reise entschließen konnten. Für viele war die Seereise mit der Ein- und Ausschiffung ein Alptraum. Wer die Pilgerfahrt jedoch mitmachen wollte, sollte nicht ohne einen gewissen Opfergeist teilnehmen und die Angst vor den Gefahren und Strapazen einfach überwinden. Zu einer Jerusalemfahrt, namentlich wenn sie im rechten Geist gemacht werden sollte, gehörte vor allem etwas von jener Gesinnung Christi, die ihn zu seinem letzten Gang nach Jerusalem trieb.
Altersgrenze war keine vorgeschrieben, es wurde aber verlangt, dass nur Gesunde und solche sich anmeldeten, die mit keinem “den Nebenmenschen belästigendem” Gebrechen behaftet waren. Ferner wurde zur Mitnahme von Fahnen aufgefordert, beispielsweise die Vereinsfahne, wenn sich fünf Mitglieder von einem Verein anmeldeten.
Im Anschluss an die feierliche Pilgermesse im Liebfrauendom, frühmorgens um 6 Uhr, fuhr der Pilgerzug am 25. Juli 1904 um 7.20 Uhr vom Zentralbahnhof in München ab. Der Weg führte über Rosenheim, Innsbruck, Villach nach Triest. Sooft der Zug an einem Ort vorbeikam, aus dem Pilger teilnahmen, wurden Tücher geschwenkt. Bei der Station Trudering begrüßten ein paar Böllerschüsse die dreizehn Mitpilger, die hier zu Hause waren, darunter den Pfarrherrn Johann Gottschalk, seine Mutter Magdalena und auch ein junges Ehepaar, das seine Hochzeitsreise mit der Pilgerfahrt verband. Auch der Herr Kooperator war mit den Schulkindern erschienen, um ihrem Seelsorger einen Abschiedsgruß zu geben. Im Hafen von Triest lag das Pilgerschiff, die “Tirol” vor Anker, ein zuverlässiger Dampfer. Er wurde als schwimmende Kirche gepriesen, wo täglich hundert heilige Messen, ein feierliches Hochamt und eine Rosenkranzandacht gehalten wurden. Die Ankunft im Hafen von Jaffa erfolgte am 31. Juli 1904. Die Kirche hatte für den, der den Fuß auf das Heilige Land setzte und die Erde küsste, einen vollkommenen Ablass bewilligt. Von Jaffa fuhr ein Zug weiter nach Jerusalem. Unter ständigem Gebet des schmerzhaften Rosenkranzes zogen die Pilger aus Bayern, mit der Marienstatue und zwölf Fahnen, in die Stadt hinauf. In den nächsten Tagen folgten sie den Spuren Jesu in Jerusalem, besuchten aber auch die heiligen Orte in Bethanien, Emmaus, Bethlehem, St. Johann im Gebirg und den Jordan. Längere Wegstrecken wurden mit Pferdekutschen zurückgelegt. Durch die Wüste führte sie der Weg von Jerusalem nach Jericho und weiter zum Toten Meer. Zutiefst beeindruckt ging es am 9. August in umgekehrter Richtung wieder zurück in die Heimat, die sie am Tag Maria Himmelfahrt erreichten. Eine riesige Menschenmenge erwartete die Pilger. Sie waren alle wohlbehalten von der Pilgerreise zurückgekehrt.

In meinem Heimatort Trudering wurden die Pilger verehrt und geachtet; sie hatten nicht nur die Heiligen Stätten mit eigenen Augen gesehen, sondern dazu noch ein Stück von der weiten Welt. Jeder hörte gerne ihren Erzählungen zu. Bis zum heutigen Tage hebe ich eine Postkarte auf, die unser damaliger Pfarrer während seiner Pilgerreise vom Toten Meer im Jahre 1904 an eines seiner “Schäflein” in der Gemeinde geschrieben hat.

Hans Lehrer