Karteln

Die Spielkarten lagen bei uns daheim im Küchenkasten in der rechten Schublade. Vom häufigen Gebrauch waren sie schon ganz abgegriffen. Nachdem die Karten in meiner frühen Kindheit so etwas wie mein erstes Bilderbuch gewesen waren, benutzte ich sie bald darauf als Spielzeug und baute damit immer höhere Kartenhäuser. Mit anderen Kindern spielte ich "Schwarzer Peter", bis mir Vater das Watten beibrachte, ein Kartenspiel, bei dem ich bereits als sechsjähriger Bub erstaunliche Fähigkeiten entwickelte, die sich allerdings auch bald auf das Schummeln erstreckten, so dass die Eltern manchmal zornig die Karten hinwarfen und mir drohten; sofort mit dem Spiel aufzuhören, wenn ich nicht gescheit spielte. Bereits beim Mischen der Karten versuchte ich, die drei Kritischen, Max, Belli und Soacher, in eine bestimmte Reihenfolge zu bringen, damit sich beim Geben wenigstens einer von ihnen unter meinen fünf Karten befand. Oft tat ich nur so, als hätte ich gute Karten und forderte mein Gegenüber ohne lange zu zaudern, mit energischer Stimme zum "Gehen" auf. Natürlich versuchte ich auch in die fremden Karten zu schauen und probierte ständig den einen oder anderen Trick, um das Spiel unbedingt zu gewinnen; denn ich brauchte 50 Pfennig für die Kinovorstellung am Sonntagnachmittag.

Später habe ich nur noch selten Karten gespielt und mir vielmehr Gedanken über ihren Ursprung, der noch gar nicht richtig erforscht ist, gemacht. Angeblich kommen sie aus China. Sicher ist, dass sie aus dem weitläufigen Orient stammen und durch die Araber oder während der Kreuzzüge nach Europa, vermutlich zuerst nach Italien (Sizilien) gebracht wurden. Dort sollen sie 1379 eingeführt worden sein. Ihre Herkunft aber ist älter; denn für Deutschland, wo die Kartenmacher bereits 1384 eine Innung gebildet haben, stammt der erste sichere Nachweis aus dem Jahre 1377. In Belgien wurden sie 1379, in Frankreich 1392 ausdrücklich erwähnt, und 1463 erließ England bereits ein Einfuhrverbot für Spielkarten. Aus dem 15. Jh. Sind Karten erhalten, die sich durch große Schönheit und künstlerischem Geschmack auszeichnen. Wie beim Schachspiel liegt dem Kartenspiel die Idee der kämpfenden Parteien zugrunde. Es wurde daher auch zuerst vorwiegend in Kriegslagern gespielt. Da das leidenschaftliche Kartenspiel sehr leicht zu einem gefährlichen Glücksspiel werden kann, das die unverbesserlichen Spieler schon oft in den Ruin getrieben hat, wurde es stets mit dem Teufel in Verbindung gebracht, als dessen Spiel es gilt, der es erfunden hat, der gerne um Seelen spielt. Die eigene Lust am Spiel oder aber das Fluchen der Spieler zieht ihn an. Gern beteiligt er sich, wenn des Sonntags, an heiligen Festtagen oder gar in der Kirche gespielt wird. Er erscheint plötzlich ohne dass die Tür sich öffnet als Fremder im Mantel, am häufigsten als Jäger oder Mann im grünen oder blauen Rock und schaut dem Spiel bloß zu oder beteiligt sich daran. Hie und da nimmt er auch einen Spieler, gewöhnlich den, der nicht aufhören will oder einen, der besonders stark flucht, mit sich in die Hölle, zerschmettert ihn an der Wand, dreht ihm das Genick um.

Sicher war der Teufel auch damals ganz in der Nähe, als ich mich in der Türkei auf ein Abenteuer einließ und einem Kartenschwindler neugierig zuschaute, der mit drei Karten, die der Reihe nach zugedeckt am Boden lagen, die Leute zum Glücksspiel verführen wollte. Er deckte eine Karte kurz auf, die man sich merken musste, drehte sie wieder um und ließ die drei Karten dann blitzschnell mit geschickten Fingern hin und herwandern, veränderte ständig ihre Lage, so dass es am Ende schwierig war, die richtige Karte wieder herauszufinden. Sicher wurde mit einem Trick gearbeitet; denn ich tippte auf die falsche Karte , obwohl ich die ganze Zeit wie ein Haftelmacher fest aufgepasst hatte. Nachdem ich mich heftig geweigert hatte, meine Spielschulden einzulösen, zog ich es vor, schnell das Weite zu suchen.

Auch heute noch dient das Kartenspiel, vor allem bei Rentnern, die gerne gemütlich beisammensitzen, zum Zeitvertreib. Hier geht es nicht so sehr um die Spielleidenschaft, als vielmehr um Unterhaltung und Geselligkeit.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 10.07.2003

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