Auf dem Kastanienbaum

Mitten auf dem Hof, gleich neben dem Misthaufen, wo die Odellacke noch bis an seine Wurzeln heranreichte, stand schon seit Generationen ein mächtiger Kastanienbaum, der über das Hausdach weit hinausragte und seine Äste wie schützende Arme über Mensch und Tier ausbreitete. Um seinen hohen Stamm herum waren viele Stangen angelehnt, kurze und lange, dicke und dünne - ideal als Kletterwand, um mit etwas Geschick auf den Baum kraxeln zu können. Erreichten wir Kinder erst einmal die unteren Äste, die stark und mächtig waren, wagte man sich höher und höher hinauf, bis zur Krone. Da musste man schon schwindelfrei sein und durfte keine Angst haben. Aber die hatten wir weiß Gott nicht. Wenn sich im Wonnemonat Mai der Baum mit seinen Blütenkerzen schmückte und sich die ersten Maikäfer über ihr Lebensdasein auf den zarten Blättern des Kastanienbaums freuten, begann unsere Jagd nach diesem gefräßigen Volk, um sie in Schuh- oder Käseschachteln, in die wir vorher kleine Luftlöcher gebohrt und deren Boden wir mit Blättern ausgelegt hatten, einzusperren. Wir schüttelten so lange die Äste, bis die kleinen Krabbler haufenweise herunterpurzelten. Unten warteten schon gierig die Hühner, die einen Leckerbissen gewittert hatten, doch es waren ja so viele Käfer da, dass wir mit reicher Beute abzogen. Wir spielten mit den Tierchen und ließen sie über den Handrücken die Arme hinaufkrabbeln, was auf der Haut so lustig kitzelte. Wenn ihnen das zu dumm wurde, begannen sie zu "pumpen" und brummten wie die alte Ju 52 auf und davon, wobei wir ihnen hinterdrein sangen:

"Maikäfer fliag
dei Vata is im Kriag
Muatta is in Pommerland
Pommerland is abgebrannt,
Maikäfer fliag!"

Im Sommer trockneten wir die Kastanienblätter als ob es Tabak wäre und rauchten diesen heimlich beim Indianerspiel in der Friedenspfeife oder taten wenigstens so. Wenn sich im Herbst die Blätter bunt zu färben begannen und die Kastanien herabfielen, fand dieser Baum noch einmal unser ganz besonderes Interesse. Wir ernteten, was wir nicht gesät hatten als ein Geschenk des Himmels und schleppten fast jeden Tag einen Sack mit dem "braunen Segen" in die Schule, wo die Kastanien für die hungernden Waldtiere im Winter gesammelt wurden. Gutes Spielzeug muss nicht immer etwas kosten. So bohrten wir in die Kastanien Zündholzsteckerl und schufen daraus allerlei Manschgerl, kleine Pferdchen ... Unser Einfallsreichtum war schier unerschöpflich.

Wenn Anfang Dezember die Schneeflocken herumwirbelten und den Kastanienbaum in ein weißes Kleid hüllten, gehörte schon ein wenig Mut dazu, bei eisiger Kälte noch einmal h hinaufzusteigen, um einen besonders schönen Barbarazweig abzuschneiden, dessen zahlreiche Knospen am Weihnachtstag aufbrechen und zu blühen beginnen sollten.

Von den Kastanien gehen auch geheimnisvolle Zauberkräfte aus. Drei Kastanien trug der Onkel stets in seinem rechten Hosensack oder gar im linken? Sie waren gut und halfen gegen Gicht und Rheumatismus. Wenn ich heute auf dem Boden im milden Licht der Herbstsonne eine Kastanie glänzen sehe, die beim Aufprall soeben aus der stacheligen Schale gesprungen ist, bücke ich mich danach, fühle mit den Händen ihre glatte, anschmiegsame Oberfläche und stecke sie in den Hosensack. Vielleicht hilft's tatsächlich? Es müssen aber drei sein!

Hans Lehrer