Katzengeschichten

Fast jedes Jahr schrieben wir in der Schule irgend einen Aufsatz über unsere lieben Tiere und ich hätte dabei niemanden besser hernehmen können, als unsere Katze “Mucki”, die bereits da war, als ich auf die Welt kam und fast schon wie ein Mitglied der Familie behandelt wurde, auch wenn Mutter dennoch den Unterschied zwischen Mensch und Tier gewahrt wissen wollte. Für sie war die Katze vor allem dazu da, Mäuse zu fangen, für mich aber war sie ein Spielgefährte, den man streicheln und lieb haben konnte. Zornig wurde Mutter, wenn die Katze anstatt Mäuse zu fangen, lieber in der warmen Stube blieb, schnurrend auf dem Küchenkasten schlief und dabei auf ein Stück Fleisch oder Wurst spechtete, das sie sich in einem günstigen Augenblick holte. Große Aufregung herrschte jedes Mal, wenn sie Junge bekam und der viereckige Bäckerkorb hergerichtet wurde, in dem sie katzeln konnte. Meistens durfte sie nur eines der kleinen Tierchen behalten, und Mutters grausame Aufgabe war es, die übrigen auf dem Pflasterboden zu "derwerfen". Alle staunten wir über die Schläue unserer Katze, die auf einmal nicht mehr im Korb ihren Nachwuchs auf die Welt bringen wollte, sondern ganz woanders und sich mit den Jungen, die sie einzeln im Mund anschleppte, erst wieder blicken ließ, wenn sie bereits größer waren und schon sehen konnten. Auch sonst glaubten wir manche unheimlichen, ja sogar seherischen Kräfte an unserer Katze zu erblicken. Fing sie sich zu putzen an und strich sich mit der Pfote hinter das Ohr, konnten wir sicher sein, dass Besuch kam. Das Putzen des rechten Ohres deutete auf einen vornehmen oder gern gesehenen Gast hin, während das Lecken der linken Pfote unangenehmen Besuch in Aussicht stellte. Auch wenn sie einen Buckel machte, kamen Gäste. Das vorgestreckte Pfötchen der sich putzenden Katze gab die Richtung an, woher der Besuch kam. Leckte sie sich den linken Fuß, dann ging jemand aus dem Haus. Putzte sie vornehmlich das Gesicht, dann war weiblicher Besuch zu erwarten, wusch sie sich den Rücken, dann kam ein Mann: Saß sie beim Putzen rechts hinter dem Ofen, kam männlicher Besuch, wenn links, eine Frau. Das Belecken der Hinterpfoten deutete auf fremde Gäste; ebenso das Reiben am Türpfosten oder Tischbein. Für Liebende deutete das Waschen der Katze auf ein schönes Stelldichein. Damit konnte nur meine ältere Schwester gemeint sein, die wieder einmal einen Liebhaber ins Haus brachte.

Allgemein gilt die Katze auch als großer Wetterprophet. Regen gibt es, wenn sie sich den Hintern leckt; ebenso wenn sie Gras frisst. Dreht sie den Schwanz nach dem Ofen oder Herd, gibt es Frost. Trinkt die Katze Wasser, so schneit es bald. Auch das Niesen der Katze zeigt Schnee an. Leckt sie sich gegen das Haar, so wird es Sturm geben. Scharrt sie den Boden auf, so schlägt das Wetter bald um. Ganz allgemein herrscht der Volksglaube, dass eine Katze, besonders eine schwarze, Unglück bringt, wenn sie einem des Morgens über den Weg oder zwischen die Beine läuft. Man soll dann einen Stein über den Weg werfen oder dreimal ausspucken, um das Unheil abzuwenden. Betrachten sich die Hauskatzen im Spiegel, so ist auch das kein gutes Vorzeichen. In einem Haus, wo Katzen sich gern aufhalten, waltet der Segen. Die Mädchen, die Katzen gern haben und gut pflegen, werden eine glückliche Ehe haben. Männer dagegen, welche Katzen gern mögen, verheiraten sich nicht. Gehen sie zu grob mit Katzen um, so bekommen sie eine böse Frau. Mutter sah es nicht gerne, wenn ich die Katze mit ihren scharfen Krallen mit ins Bett nahm. Sie hatte gehört, dass sich Katzen bei Kindern auf den Hals legen und sie dadurch ersticken. Gefahr drohte auch von den Katzenhaaren. Denn nach allgemeinem Glauben ist es gefährlich, wenn das Kind Katzenhaare verschluckt: dann wird es schwindsüchtig und wächst nicht mehr. Auch Erwachsene verfallen durch Verschlucken eines Katzenhaares der Auszehrung. Beim Wohnungswechsel darf die Katze nicht gleich mitgenommen werden; da sie mehr am Haus als am Menschen hängt. Diese Erfahrung machten wir bei unserem Umzug, als die Katze den weiten Weg ins alte Haus wieder zurücklief.

Die Katze ist verhältnismäßig spät ein Haustier geworden. Bald schon aber setzte sich die Auffassung durch, dass sie ein unheimliches, dämonisches Wesen sei. Von Katzen mit glühenden Augen handeln viele Spukgeschichten, und sie begleiten die Hexen auf ihren Luftfahrten. So nützlich die Mäusefeindin auch sein mag, so zierlich und reinlich ein junges Kätzchen auch ist, das Volk ist leider von der Falschheit des Tieres überzeugt.

Hans Lehrer