“Keferloherisch”

Einmal im Jahr; am ersten Montag im September, wurde in Keferloh ein Vieh- und Pferdemarkt abgehalten, der mit seiner jahrhundertealten Tradition bis ins Jahr 955 zurückgereicht haben soll. Die Legende weiß zu berichten, dass damals, nach der Schlacht auf dem Lechfeld, die erbeuteten ungarischen Pferde auf der “Keferlohe”, einer vom Kiefernwald gerodeten Fläche, zum Kauf angeboten wurde. Dieser Keferloher Markt, auf den einst Vieh- und Rosshändler, Bauern und Krämer aus dem ganzen Voralpenland kamen, war mit einem Volksfest verbunden, das zehn Tage vor dem Viehmarkt begann und mit diesem am ersten Montag im September abends endet.

Von Trudering aus, wo ich daheim bin, konnte man Keferloh bequem mit dem Fuhrwerk, auf dem Rad oder zu Fuß erreichen, und ich erinnere mich an eine Begebenheit aus meiner frühen Kindheit, wie mich mein Vater kurz nach dem Krieg das erste Mal dorthin mitnahm und dabei allerhand wildes und zwielichtiges Gesindel, vor dem ich regelrecht Angst verspürte, auf dem Platz wahrnehmen konnte.

Aber auch in Straßtrudering kehrten die Leute, die zum Zeichen, dass sie vom Keferloher Markt kamen, auf ihren Hüten die gefärbten Grashalmbüschel trugen, gerne im Gasthof Obermaier an der Truderinger Straße ein, wo es oft höchst “keferloherisch “ zuging. Was es mit diesem Ausdruck auf sich hat, schilderte meine Tante als fünfzehnjähriges Mädchen in einem interessanten Erlebnisbericht, der aus dem Jahr 1921 stammt.

“Am Keferloher Montag ist es in Trudering schneidig zugegangen. Als ich mit dem ½ 7 Uhr Zug abends heimkam, fand die reinste Volksversammlung vor dem Obermaier statt. Schieber, Händler, Kuppler, Bazi, Lumpen, aber auch ehrbare Bauern, kurz alle Stände waren vertreten. Fast alle hatten einen Rausch! Die Weiber natürlich auch! Wie die schön gesungen haben! ‘Und beim Steyrer, da kehrn mir ein, da gibts a guts Bier und an guten Wein!’

Als es Nacht wurde, nahm die Stimmung einen etwas gespannteren Ausdruck an. Einmal meinte ich schon, jetzt gehts los, einstweilen hatten sie nur drei Maßkrüge zerschlagen. Einer, ein total Besoffener, schrie immer, während er mit der Peitsche zuschlug: ‘Wir wollen 'kanz' in Frieden auseinandergehen!’ Allmählich zogen diejenigen, die mit ihrem Fuhrwerk da waren, ab und es blieb nur mehr das Erzgesindel da. Unser Schwager, der Hiasl, war auch drüben bis 12 Uhr. Er ging dann heim, vor Wut, weil die ‘Hanswurrrschtn’ nicht rauften. Als ich um 1/2 2 Uhr in der Früh aufwachte, machten sich gerade die letzten Saufbrüder auf den Heimweg. Zuerst kamen drei, die waren ganz harmlos! Aber dann fings an! Ich hatte das Fenster offen und konnte jedes Wort verstehen! ‘Machts auf, Saubande, Zechpreller, machts auf; unsere Brieftaschen möcht ma, unsere Papiere, dass ma hoamkema! Nausgschmissen hams uns, machts auf, mir legen Feuer an! Feuer! Der Lausbua, derschlagn dean man, derschlagn, machts auf, hauts d’Tür ein!’ Dann gings los mit Bierfaßln, Maßkrügen, Steinen, kurz, was nur zu Gebote stand, wurde gegen Tür und Fenster geworfen. Da musste der Viktoria Obermaier drin in ihrer Wirtsstube ‘zwoaraloa’ geworden sein! Es kam der Schutzmann, konnte aber nichts ausrichten, da keiner mehr einen vernünftigen Gedanken hatte. Plötzlich krachte ein Schuss durch die Nacht. Der Brod Benni hatte sein Jagdgewehr abgefeuert. War es ein Schreckschuss? Es gab dabei keinen Verletzten. Dann wurden sämtliche verhaftet. In der Früh sah es nett aus. Der ganze Platz vorm Obermaier war übersät mit zerschlagenen Maßkrügen. Ein paar Fenster waren zertrümmert worden und alles mit Papierfetzen verunstaltet. Eine grauseidene, abgerissene Krawatte liegt jetzt noch dort. Wie sich später herausstellte, war der Adam Jakl, unser zukünftiger Schwager, auch recht tapfer und gab dem Reinfrank eine Watschn, dass der gleich über die Planke vor dem Haus, wo die Rösser immer angebunden werden ,stürzte und sich dabei den ganzen Hinterkopf aufschlug. Dem Wimmbauern wurde durch die Hand gestochen. Den Hofstetter und den Bäcker Huber wollten sie auch noch durchlassen, aber die hatten Wind bekommen und sich gedrückt. So gehts bei uns zua!”

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 09.02.2003

Alle Bilder und Texte auf diesen Seiten sind urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck auch auszugsweise nur mit Genehmigung des Verfassers.