Kiesgruben

In Trudering gab es lange Zeit vier Kiesgruben. Wann und wie sie entstanden sind, weiß ich nicht; denn sie waren schon da, als ich auf die Welt kam. In einer dieser Kiesgruben sollen noch die Reste eines Schlosses stecken, das einst vom Erdboden verschluckt worden ist, weil dessen Besitzer, Graf Cuno, ein geiziger, habgieriger Leuteschinder gewesen ist. Frau von Uta hingegen, sein angetrautes Eheweib, war eine gottesfürchtige und mildtätige Frau. Ihr blieb jenes furchtbare Schicksal erspart, da sie aus dem Haus war, als diese gerechte Strafe jäh hereinbrach. Truderinger Bauern beherbergten die obdachlose Frau, und aus Dank erhielten sie von ihr Gründe, die heute noch in den Katasterblättern als Utaische Brüche eingetragen sind. Ein großes Feld mit vielen Tagwerk, das dem Zehentbauern gehörte, trug sogar den Namen "Schlossfeld" und lag gleich neben der Kiesgrube. Das alles weiß ich von meinem Onkel, der auch einen Acker aus der Utaischen Schenkung besaß, den wir kurz "Bruch" nannten. Bis zum Jahr 1932 wurde in der Kirche St. Peter und Paul für die edle Frau ein Jahrtag abgehalten, zwei Messen gelesen und an allen Sonntagen der Wohltäterin gedacht. Obwohl uns Kindern die Sage vom versunkenen Schloss einen leichten Schauder einflößte, hielten wir uns im Sommer gerne in dieser Kiesgrube, der "Kellermanngrube" auf, weil sie Wasser hatte und wir darin baden konnten. Allerdings war diese Grube nichts für Nichtschwimmer; denn es ging gleich steil hinein, und nur auf dem Rücken eines guten Schwimmers sitzend, wie dem Huber Walter, kam ich zu meinem Badevergnügen.

Im Winter, wenn überall tiefer Schnee lag, zogen die Kinder mit ihren Schlitten zur "Lenzgrube" und sausten die Abhänge hinunter. Noch steiler hingegen war die Mittelgrube, wo die Schifahrer ihre Winterfreude hatten.

Die "Vordermaiergrube" aber war eine wahre Fundgrube. Da es früher noch keine Müllabfuhr gab, warfen die Leute ihr ganzes Zeug hinein, während andere wiederum nach etwas Brauchbarem suchten. Vor allem die Bruchkreiden, die von der Kreidenfabrik Brendel regelmäßig in die Grube gekippt wurden, waren bei den Kindern besonders begehrt. Mit ihnen entstanden die ersten Graffiti Kunstwerke an den unmöglichsten Stellen des Ortes. Für unsere "Seifenkistl" brauchten wir fahrbare Untersätze aber auch sonstiges Zubehör und wühlten deshalb im Dreck nach alten Kinderwagengestellen herum, um dann mit unseren kleinen Flitzern, Marke Eigenbau, die abschüssige Straße bei der Bahnunterführung oder das Bahnbergl hinunterzurattern. Ausgerechnet bis auf die eine Grube, über der sich einst das Schloss erhob, sind alle zugeschüttet worden. Ob das wohl mit dem Fluch zusammenhängt, der auf diesem Stück Land scheinbar noch immer lastet und Graf Cuno keine Ruhe finden lässt?

Hans Lehrer