Kinderarbeit

Meine Urgroßeltern waren bettelarme Leute. Im Frühjahr 1874 gaben sie den Pauli, ihren ältesten Sohn schon mit acht Jahren zu Onkel und Tante, die in Köngisfeld in der Holledau lebten und selbst keine eigenen Kinder hatten. So war am Tisch wenigstens ein "unnützer Fresser" weniger. Der Bub aber begann in der fremden Umgebung fürs Essen selbst zu schaffen.

Dort, wo er hinkam, hatten sie drei Kühe, zwei oder drei Schweine, Hühner, ungefähr 12 Tagwerk Felder und Wiesen und auch etwas Hopfenbau. Der Vetter, wie er den Onkel nannte, war von Beruf Maurer und verrichtete die Bauernarbeit meist nach Feierabend. All seine kindlichen Kräfte musste der Bub aufwenden, um der Basltant bei der Haus- und Feldarbeit zu helfen. So wurde er schon in seinen Kinderjahren mit fast allen landwirtschaftlichen Arbeiten vertraut. Obwohl noch klein und schwächlich, wollte er unbedingt das Dreschen lernen. Seinen Onkel plagte er so lange, bis dieser ihm endlich einen Drischel machte. Die Freude war groß, schon als Achtjähriger neben dem Vetter und der Basl "mittappen" zu dürfen, wobei die Drescharbeit auf dem harten Lehmboden beileibe nicht leicht war. Es dauerte nicht lange, da konnte er auch mit einer richtigen Drischel umgehen, musste sich aber furchtbar plagen, weil sie noch schwerer war, als die erste. Bald schon bereute er, die verfluchte Drescherei gelernt zu haben. Jeden Tag musste er jetzt bereits um vier Uhr aufstehen, und die Basl wusste ihn durch verschiedene Versprechungen jedes Mal herumzukriegen. Auch fürs Hopfenzupfen musste er viel Zeit von seiner nächtlichen Ruhe opfern. Spät abends wurde gemeinsam gebetet; denn Vetter und Basl waren sehr christlich. Schon nach zwei Vaterunser überkam beide der Schlaf, und der Bub setzte so lange aus, bis wieder einer von ihnen wach wurde. Gegenseitig machten sie sich Vorwürfe. "Ja, Michi, dass d' allerweil schlafst", sagte die Basltant vorwurfsvoll zu ihrem Mann. Nachdem jeder ein paar Mal eingenickt war, wurde endlich das Keuzzeichen gemacht.

Kam bei der vielen Arbeit der Pauli zu spät zur Schule, wurde er von seinem Lehrer zur Rede gestellt. "Mach nur schnell, dass d'fertig wirst, dann kannst in die Schule gehen", sagte jedes Mal die Basltant und ließ ihn vorher noch auskehren, abspülen, ausrühren (Butter machen), Holz reintragen usw. Sie wollte keine Zeit verschleudern und war zufrieden, wenn sie auch noch ein paar Minuten für die Arbeit abzwacken konnte.

"Dass d'aber gleich heimgehst Bai (Paul), diese und jene Arbeit ist da", ermahnte ihn das Basl jedes Mal. Da ihnen in Königsfeld der junge Lehrer gestorben war, und nachdem der Pfarrer eine Zeitlang die Schulstunden gehalten hatte, besuchten die Kinder längere Zeit die Schule in Fahlenbach, eine gute Viertelstunde von Königsfeld entfernt. Um Zeit zu sparen, zog sich die Basl am Sonntag, wenn sie zur Kirche ging, erst auf dem Weg dorthin fertig an und brachte dieses und jenes Kleidungsstück noch in Ordnung. Allmählich wurde bei der Arbeit nur mehr gerackert und geschunden. Dem Buben erging es auf die Dauer nicht besonders gut. Für Kinder hatten beide kein Gespür, geschweige denn das Empfinden einer Mutter. Doch was blieb dieser bedauernswerten Frau wiederum anderes übrig? Sie war gezwungen, um die Sorgen zu verringern, eines der Kinder vom Essen wegzubringen; denn die Not war einfach zu groß. Bei ihrer Schwester und dem Schwager glaubte sie, den Buben in guten Händen zu wissen.

Einmal bekam er von der Tante den Auftrag, auf die Hühner Obacht zu geben, damit der Hühnerhabicht nicht eines fangen und fressen konnte. Wie die Buben halt so sind, ist er zum Nachbarn hinübergelaufen und hielt sich eine Zeitlang dort auf. Als er wieder Nachschau halten wollte, war der Vogel wirklich da. Seine Krallen umklammerten gerade eine Henne, die er zu verzehren begann. Er hatte schon ein großes Loch in ihren Körper gehackt und husch, wollte er die Henne mitnehmen. Gott sei Dank war sie ihm zu schwer. Da es sich um das letzte und äußerste Anwesen in der Ortschaft handelte, pflegte der Vogel zur rechten Zeit Nachschau zu halten. Hauptsächlich im Winter musste gar manche Henne deshalb daran glauben. Für seine Nachlässigkeit hatte der Pauli an jenem Tag natürlich kein "Fleißbillett" erhalten.

Nachdem er zwei Jahre von daheim fort war, kam er im Winter 1875/76 wieder zu seiner Mutter nach Hause. Zwischenzeitlich hatten seine Eltern im Armenhaus von Mainburg notdürftig Unterschlupf gefunden. Dort ging er auch wieder bis Mai 1876 in die hiesige Schule. Es herrschten Hunger und Elend. Nichts war dem Kind ärger, als zum Betteln geschickt zu werden. Es ging aber nicht anders, weil der Vater im Sommer in der Zimmerei und im Winter als Besenbinder wenig oder gar nichts verdiente und die Familie auf sechs Kinder angewachsen war. Auch wenn es heute den Menschen gut geht und die Zeiten der Armut für uns unvorstellbar geworden sind, sollte man sie nicht ganz aus dem Gedächtnis verdrängen, sondern unseren Vorfahren den nötigen Respekt und genügend Verständnis entgegenzubringen.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 27.02.2003

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