In der 7. Klasse

Immer wenn ich an der Silberkopfstraße in Berg-am-Laim vorbeiradle, denke ich an unseren Lehrer, den wir Anfang September 1954 in der 7. Klasse bekommen hatten. Er hieß Orelli, mit Vornamen Max und stand schon kurz vor seiner Pensionierung. Kein Wunder also, wenn er noch ein Lehrer vom alten Schlag war, der sich nicht nur damit begnügte, Tatzen auszuteilen, sondern nach alter Sitte den übermütigen Buben zuweilen befahl, sich über die Bank zu beugen, damit er ihnen zwei Stockhiebe überziehen konnte. Auffallend waren seine großen abstehenden Ohren, sein hagerer Wuchs und seine zuweilen eigenartige Betonung mancher Wörter, deren mittlere Vokale er in die Länge zog, so dass wir heimlich grinsten, wenn er von den "Büüschen" oder "Meenschen" sprach. Er führte wieder das Schönschreiben ein, ließ uns in den Heften Hilfslinien ziehen und achtete genau auf die Unter- und Oberlängen der Buchstaben. Und tatsächlich handelte schon das dritte Aufsatzthema von der Schrift, über die ich folgendes schrieb:

"Vor einigen Tagen kamen bei uns zu Hause zwei Briefe an. Schon die Briefumschläge waren beachtenswert. Die Adresse von dem einen Umschlag war in einer sauberen Schrift geschrieben. Doch bei dem anderen war die Schrift kaum leserlich, und der Raum war auch nicht eingeteilt. Als meine Eltern die Briefe öffneten, war der eine in einer sauberen Schrift geschrieben, die Buchstaben waren schön geformt, und die gleiche Richtung fehlte auch nicht. Doch bei dem anderen waren die Buchstaben kreuz und quer geschrieben. Die Ober- und Unterlängen waren auch nicht beachtet. Auch ich stand dabei und hörte alles mit an. Ich nehme mir vor, dass ich eine anständige Schrift bekomme. Eine solche bekomme ich nur, wenn ich den Raum richtig einteile, auf die Ober und Unterlängen achte, die gleiche Richtung und den gleichen Abstand einhalte und saubere Buchstaben forme. Wenn ich das alles befolge, ist meine Schrift einwandfrei."

Während ich für den vorhergehenden Aufsatz über den Tierschutztag nur eine Vier bekommen hatte, wurden dieses Mal meine guten Vorsätze, schöner zu schreiben, sogar mit einer Eins belohnt. Im Rechenheft ließ uns Lehrer Orelli bei der Landtagswahl 1954 die abgegebenen Stimmen für die einzelnen Parteien in Prozente umrechnen. Demnach erhielten die CSU 37,96 %, die SPD 28,11 %, die Bayernpartei 13,23 % ... die FDP 7,23 % und die KPD 2,11 %. Als uns der Lehrer nach zwei Monaten schon wieder verließ, dachten wir, er würde nimmer kommen und waren umso mehr überrascht , als er Ende Januar plötzlich erneut auftauchte. Allerdings konnte von einem Unterricht, der sich auf alle Fächer erstreckte, nicht mehr die Rede sein. In den nächsten vier Wochen, in denen wir ihn noch einmal hatten, erhielten wir von ihm jeden Tag vier Stunden Geschichtsunterricht, der sich sogar auf die Nachmittagsstunden erstreckte. Oft ging es hochpolitisch her, und wir erfuhren von ihm Einzelheiten, die in keinem Geschichtsbuch standen. Es sollte uns nicht verborgen bleiben, in wieweit die Regierung Ludwigs IVX. von "Weibern beeinflusst war" und hörten ihm interessiert zu, wenn er ferner fest und steif behauptete, dass der "plötzliche Tod des 11 jährigen Kronprinzen aus bayerischem Hause, kurz vor der Abreise nach Spanien" unerklärbar war und der Verdacht auf eine Vergiftung nahe lag. Der anschließende "Spanische Erbfolgekrieg" füllte viele Seiten unseres Geschichtsheftes, wobei der Lehrer hie und da vom Thema abschweifte und lieber stundenlang vom ersten Weltkrieg erzählte, wo er selbst bei Verdun gekämpft hatte. Die restliche Zeit aber nutzte er, um mit uns die verschiedenen Baustile, angefangen von der Basilika bis hin zum Rokoko durchzunehmen, um dann wieder so zu verschwinden, wie er vorher gekommen war, von einem Tag auf den anderen.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 24.04.2003

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