Klassentreffen

Wie hatte es doch in der Abschlussrede, die ich als Klassensprecher am 19. Juli 1956 in der Volksschule halten durfte, so schön geheißen? “Der Tag ist gekommen, an dem wir der Schule ledig werden, an dem wir hinaustreten in das Leben; viele Buben und Mädchen werden den Tag mit Freude erwartet haben, nun können wir endlich der Schule den Rücken kehren, manche allerdings mit geheimer Furcht vor dem Zeugnis ...

Das ist lange her. Bald schon verloren wir uns aus den Augen und jeder ging halt seinen eigenen Lebensweg. Nach mehr als vierzig Jahren flattert ein Brieflein ins Haus, in dem zu einem Klassentreffen der einstigen Knabenklasse 8a eingeladen wird. Ich werde kaum noch jemanden erkennen, denke ich und den anderen wird es genauso ergehen. Im Nebenzimmer der Wirtschaft sitzen ergraute Herren beisammen, wie bei einem Seniorentreffen. Das allgemeine Rätselraten beginnt: “Wer ist wer?” Manche erkenne ich sofort wieder. Sie haben sich “fast” nicht verändert, sind bloß älter geworden. Bei anderen beginnt die große Fragerei. Selten aber, dass man sich an einen gar nicht mehr erinnern kann. Mich kennt allerdings fast keiner mehr. Habe ich mich denn so verändert? Mit nur noch ein paar Haaren auf dem Kopf und dem mächtigen Schnurrbart ist mir die unbewusste Tarnung scheinbar glänzend gelungen. Inmitten der ehemaligen Schülerschar sitzt ein schon betagterer Herr, der sich gut zu unterhalten scheint. Das ist doch unser früherer Klassenlehrer Josef Auer, den wir in der 7. und 8. Klasse hatten! “Ja gibt’s denn den auch noch?” frage ich mich insgeheim. Alle, die wir hier sitzen verbindet der gleiche Jahrgang, die gemeinsame Jugendzeit ... Aber auch dieser und jener Bubenstreich. Ist das nicht ein schönes Gefühl, nach so vielen Jahren? Immer wieder stellt sich die Frage: “Weißt du noch?” und am meisten wird bewundert, wer das beste Erinnerungsvermögen hat. Bin das am Ende etwa gar ich selbst? Jede Kleinigkeit unserer Schulzeit wird plötzlich in mir wieder wach. Ich erinnere mich an die “guten und schlechten Zeiten”. Da gab es bereits in der 1. Klasse diese schreckliche Frau Kupfer, die auf meine kleinen Kinderhände bald schon den Tatzenstock sechsmal hintereinander niedersausen ließ, links dreimal und rechts dreimal. Heute wäre das Kindsmisshandlung, wenn nicht gar Folter. Damals jedoch gehörten Tatzen zu den anscheinend notwendigen Erziehungsmaßnahmen. Unser Lehrer in der 3. und 4. Klasse hieß Josef Kastl. Er war ein Alkoholiker, nicht verheiratet und konnte ganz schön jähzornig sein, dass ihm die Stirnadern anschwollen. Am liebsten erzählte er von seinen Kriegserlebnissen in Russland. Das Klavierspielen beherrschte er lässig mit nur einer Hand, und ich dachte, das gehört so. Lehrer Hans Sepp, ebenfalls ein eingefleischter Junggeselle, den wir in der 5. und 6. Klasse hatten, war ein Militarist. Er zog uns gerne an den kurzen Haaren über den Ohren, was ziemlich weh tat oder er schlug mit dem Lineal auf den Handrücken. Allerdings gestaltete er seinen Unterricht, der einen soliden Grundstock für mein späteres Wissen bildete, in altbewährter Manier, interessant und lehrreich. Nur einmal während meiner gesamten Schulzeit hatte ich übrigens eine Vier im Zeugnis. Das war bei ihm im Rechnen.

Jener Lehrer aber, der uns bis zum Schluss der Volksschulzeit unterrichtete, ist heute also zu unserem Klassentreffen gekommen. Ganz kameradschaftlich bietet er uns das Du an und wir dürfen ihn Josef nennen. Manche können sich daran nicht recht gewöhnen; da er auch nach so langer Zeit für uns noch immer eine Respektperson ist. Im verdanke ich eine flinke Feder und ein feines Gefühl für die Sprache; denn als Strafaufgabe mussten wir Seiten weise die Lesestücke abschreiben, und ich brach dabei alle Rekorde. Er kann sich auch gleich wieder an mich erinnern, zumindest an meinen Namen, der in der Schule gar manch lustigen Kommentar auslöste. Einige Klassenkameraden sind bereits gestorben. Die anderen aber erzählen aus ihrem Leben, was aus ihnen geworden ist und was sie jetzt tun. Gar mancher klagt schon über seine Beschwerden, ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir nicht mehr taufrisch sind. Während der Klassenbeste, das sogenannte Herzipopperl, bis zum höheren Verwaltungsbeamten aufgestiegen ist, wurde der Klassendümmste ein guter Metzger, der erfolgreich mit Fleisch handelt und satte Gewinne einstreicht.

Der Abend vergeht wie im Flug. "Was - es ist schon gleich eins"? Bis zum nächsten Treffen wollen wir nicht wieder 40 Jahre warten, und ich freue mich bereits auf ein neues Beisammensein.

Hans Lehrer