Kocherlball

Jedes Jahr freue ich mich auf den Kocherlball am Chinesischen Turm im Englischen Garten. Dieser Tanz im Freien findet nicht etwa am Nachmittag oder in den Abendstunden statt. Nein, ganz in der Früh schon, um fünf Uhr, am dritten Sonntag im Juli, vorausgesetzt dass es nicht regnet, kommen die ersten tanzbegeisterten Frühaufsteher und schwingen das Tanzbein wie anno dazumal. Jedes Jahr werden es mehr. 1996 wurden bereits 15 000 Besucher vor allem aber auch Schaulustige gezählt. Dem Kulturreferat ist es zu verdanken, dass am 16. Juli 1989 zum ersten Mal mit einem neuen Kocherlball der alte Brauch wieder ins Leben gerufen worden ist. Dabei hatte mir meine Mutter schon so viel über diese Tanzveranstaltungen aus früheren Zeiten erzählt. Vor dem ersten Weltkrieg war es üblich, dass im Sommer an den Sonntagen zwischen 5 und 8 Uhr die Kinder- und Zimmermadl, die Köchinnen und Hausknechte, die Kammerzofen, kurzum lustige Leut’ halt, sich am Chinesischen Turm zum Tanzen trafen, wo ihnen eine Blechkapelle aufspielte. Sie hatten auf dem “Kocherlball”, wie er bald genannt wurde, nur ein paar Stunden Zeit, um ja wieder rechtzeitig bei der Arbeit zu sein oder sich zum Kirchgang zurechtzumachen. Abwechslung gab es bei der tagtäglichen Rackerei eh fast keine und ausgenützt wurde man obendrein. Davon konnte meine Mutter ein Lied singen. Kaum aus der Schule, war sie als blutjunges Ding mit dreizehn Jahren schon Dienstmädchen bei einer Klavierlehrerein in Schwabing, dem Fräulein Adler. Eine Begebenheit, die meine Mutter immer wieder erzählte, prägte sich in meine Erinnerung ein. Das Fräulein Adler besuchte ab und zu die Oper. Geizig oder sparsam wie sie war, ging sie den ganzen Weg von Schwabing bis zum Nationaltheater zu Fuß. Ihr Dienstmädchen musste sie dabei begleiten. Um sich nämlich das Geld für die Garderobe zu sparen, schickte sie meine Mutter mit dem Mantel und den Überschuhen wieder nach Hause und erwartete sie pünktlich nach der Vorstellung zurück. Einmal passierte es halt dann. Da verschlief meine Mutter, vollkommen erschöpft und übermüdet das Ende der Oper und Fräulein Adler stand bei Regen und Kälte ohne Mantel da. Furchtbar wütend ließ sie sich von einem Kutscher nach Hause bringen. Gute Lust hatte sie, das Fahrgeld vom Dienstmädchenlohn abzuziehen.

Unter solchen Umständen war einem nicht gerade nach Frohsinn zumute, und wen hätte es da gewundert, wenn die Lust zum Tanzen, etwa gar auf einen Kocherlball zu gehen, dabei nicht verlorengegangen wäre.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 19.06.2003

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