Kraut und Unkraut

Der ganze Stolz unseres Nachbarn ist sein schöner Garten, vor allem aber sein "Englischer Rasen", den er mit viel Mühe angelegt hat. Den ganzen Humus hat er durchgeworfen, damit jedes Unkrautwürzelchen im Gitter hängen blieb und der Boden steinfrei wurde. Mit Argusaugen wacht er darüber, dass kein Gänseblümchen den Rasen "verunziert", und jede Millidistel rottet er fein säuberlich mit Stiel und Stumpf gleich aus. Kein Schmetterling, keine Biene verirren sich in seinen Garten, kein Vogel fliegt von Ast zu Ast; denn Laub- und Nadelbäume könnten dem Rasen, besonders im Herbst arg zusetzen. Mindestens einmal die Woche erhält der grüne Teppich mit dem dröhnenden Motormäher einen Faconschnitt und die Ecken werden fein säuberlich mit der Schere nachgeschnitten. An heißen Tagen surrt und zischt der Rasensprenger bis spät in die Nacht hinein. Es fehlt nur noch das Schild: "Betreten des Rasens verboten".

Im Gegensatz dazu ist unser Garten etwas verwildert. Kunterbunt stehen Kräuter und Blumen durcheinander. Seitdem ich das praktische Heilkräuterbüchlein "Chrut und Uchrut" mit seiner giftfreien Kräuterheilmethode gelesen habe, dürfen bei uns Kraut und Unkraut gleichberechtigt nebeneinander gedeihen. Oft hole ich dieses Büchlein in den Tagen der Krankheit hervor und ziehe es zu Rate. Es gilt als Fundgrube der oft so verblüffend wirksamen Hausmittel gegen mancherlei Gebresten und Leiden. Weit übern Zaun recken und strecken sich die Brennnessel, die im Notfall auch dem Nachbarn das Leben retten würden; denn alles an dieser Pflanz, von der Wurzel bis zum Samen, findet Verwertung. Die Wurzel, mit Essig gesotten, ist weitaus das beste Mittel für Haarwuchs. Das Kraut reinigt Lunge, Magen und Gedärme und hilft gegen Geschwüre. Die jungen Blätter der Brennnessel geben eine ausgezeichnete Nahrung. In der Wiese leuchtet der gelbe Löwenzahn, ist seit Anfang der Schöpfung da und sät sich selbst. Die Blätter samt Wurzel werden als Salat gegessen und reinigen Leber und Niere, säubern das Blut und befördern den Stuhlgang. Tee von Blume und Blättern des Gänseblümchens, dem ersten Frühlingsboten, heilt innere Wunden und Brüche, Ausschläge, Gicht und Darmentzündungen. Fleißig getrunken ist dieser Aufguss gut für Kinder, die nicht recht gedeihen wollen und immer mager bleiben. Auch Moos ist eine missachtete, von Gott zu unserem Wohle erschaffene Pflanze, die sich in unserem Garten heimisch fühlt und sich ungehindert ausbreiten kann. "Wo Brand und große Hitze ist bei Menschen und Vieh, nehme man Moos von den Steinen und lege es auf die heiße Stelle". Gegen Fußgicht, Hüftweh, Gliedsucht gibt's nicht leicht ein besseres Mittel als den Geißfuß, der schon den alten Griechen als Heilpflanze bekannt war. Welches ist das beste Bett für Leute, die an Krämpfen, Gliederweh, Rheumatismus, rheumatischem Zahn- und Kopfweh leiden? Ein Sack gefüllt mit gedörrtem Fahrnkraut. Salbei ist bei fast allen Gebrechen anwendbar, so dass ein alter römischer Dichter sagte: "Wie kann der Mensch noch sterben, während Salbei wächst in seinem Garten!" Der Wegerich ist ein sehr verachtetes Kraut, ist aber unstreitig das erste und beste und häufigste aller Heilmittel und reinigt als ganzes verwendet, wie kein zweites Kraut Blut, Lunge und Magen. Entsetzlich verhasst als Unkraut sind die Winden. Sie sind nicht auszurotten, haben Wurzeln bis in die Hölle hinab und wachsen immer nach. Umschlingen das Gemüse und reißen es zu Boden. Aber gerade diese Winden sind ein herrliches Fiebermittel. Als Frucht der wilden Rose ist in der Hagebutte nicht nur das meiste Vitamin C enthalten, sie reinigt überdies Nieren und Blase von Stein und Unrat und heilt den Durchfall. Auch Gemüse und Suppenkräuter spielen als wichtige Bestandteile der Volksmedizin in unserem Garten eine große Rolle. Petersilie treibt den Harn gewaltig, Spinat ist gut für die Lunge und nicht zu vergessen die Zwiebel, die bei den verschiedensten Krankheiten sehr häufig gebraucht wird.

So hat der Herrgott diese und noch viele viele andere Heilkräuter dem Menschen in den Weg gelegt, vor die Haustür, in den Garten als unvertilgbares Unkraut, in die nahe Wiese, auf den Berg und in den Wald.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 25.07.2003

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