Kriegserinnerungen

Vor mehr als einem halben Jahrhundert ist der zweite Weltkrieg, der Millionen und Abermillionen Menschen das Leben gekostet hat, zu Ende gegangen. ”Zeit heilt Wunden”, heißt es in einem Sprichwort. Die Narben der Erinnerung bleiben ein Leben lang.

Ich bin im Sommer des dritten Kriegsjahres auf die Welt gekommen, und mein Erinnerungsvermögen reicht bis in meine früheste Kindheit zurück. Das erste, was ich vom Krieg mitbekommen habe, waren unsere Aufenthalte im Luftschutzkeller. Die Leute saßen in zwei langen Stuhlreihen einander gegenüber und blickten sich mit ihren angsterfüllten Gesichtern stumm an. Ich hielt das lange Stillsitzen bald nicht mehr aus und wurde immer unruhiger, worauf die alte Frau Riedlin mit ihrem Gehstock mehrmals heftig auf den Boden stieß und mir zornige Blicke zuwarf. Peinlich wurde es für Mutter, als ich auch noch zu allem Übel in die Hose machte. Wie ich aber gar keine Ruhe mehr gab, wurde ich kurzerhand in den dunklen Notabort gesperrt, um auch mir eine gewisse Angst einzuflößen, unter der die Leute damals alle litten. Andere Geschehnisse weiß ich aus den Erzählungen meiner Mutter noch recht gut. Um in den Luftschutzkeller zu gelangen, mussten wir nur über die Straße laufen, einen Hof überqueren und eine Treppe hinuntersteigen, die von außen in den Keller führte, der wiederum unter einem Bauernanwesen lag. Im Säuglingsalter legte mich Mutter im Wickelkissen gut verpackt in einen niedrigen, vorne und hinten offenen Kinderwagen, zu dem man Sportwagen sagte und der eigentlich mehr schon für Kinder gedacht war, die bereits sitzen konnten. Bei Fliegeralarm schob sie mich in einem hektischen Eiltempo bis zur Kellertreppe. Wenn gerade niemand da war, der ihr beim Hinuntertragen hätte helfen können, ließ sie den Kinderwagen über die Stufen hinunterholpern, dass das Kindl ganz stark hin und hergeschüttelt wurde. In einer stockdunklen Nacht war es dann halt einmal passiert, dass ich in der großen Aufregung unbemerkt herausgekugelt bin und irgendwo, Gott sei Dank unversehrt, zwischen den Stufen liegen blieb. Als die Tür bereits verschlossen und verrammelt war, bemerkte Mutter erst mit großem Entsetzen, dass kein Bub mehr zwischen den Kissen lag, und sie musste regelrecht darum kämpfen, die Tür noch einmal aufgemacht zu bekommen. Die panische Angst der Leute vor den Bomben war so groß, dass sie das weitere Schicksal eines Säuglings weniger rührte, als ihr eigenes Schutzbedürfnis, und Mutter bekam obendrein noch schwere Vorwürfe zu hören. Unsere Familie ging nicht etwa miteinander in den Keller. Meine große Schwester hatte in der Schwanthalerstraße, nahe dem besonders gefährdeten Hauptbahnhof, einen Lehrplatz bei einer Schneidermeisterin und war tagsüber nicht daheim. Mein älterer Bruder besaß die schlimme Angewohnheit, sich regelmäßig zu verspäten und immer als einer der letzten in den Luftschutzkeller hineinzuwischen. Einmal jedoch war die Tür schon verschlossen und er erlebte den Bombenangriff mit Tieffliegerbeschuss im Freien. .So kamen zur eigenen Angst unserer Mutter auch noch die Todesängste um ihre Kinder hinzu. Vater, der bereits im ersten Weltkrieg beim königlich bayerischen Leibregiment seine bitteren Erfahrungen mit dem Krieg in Frankreich gemacht hatte, war mit seinen knapp fünfzig Jahren noch zur Heimatflak eingezogen worden und die meiste Zeit gar nicht da.

Dass wir alle den Krieg heil überstanden haben, grenzt an ein Wunder, und Mutter sagte immer, wir hätten diese Fügung der Himmelsmutter zu verdanken gehabt, die ihren Schutzmantel über uns ausgebreitet hat. Die Menschen klammerten sich an den Rosenkranz wie vielleicht niemals zuvor. In ihrer großen Not suchten sie Zuflucht beim Herrgott, fragten sich aber ganz verzweifelt und ratlos, wie er es zulassen konnte, dass am 13. Juni 1944, genau an meinem zweiten Geburtstag bei einem schweren Bombenangriff auf Trudering das Pfarrhaus von St. Peter und Paul völlig zerstört wurde, wie schon einige Tage zuvor der Pfarrhof in Berg-am-Laim. 29 Menschen, die im Pfarrkeller Schutz gesucht hatten, kamen ums Leben, darunter zehn Kindergartenkinder, die Kindergärtnerin Schwester Isentrud vom Dritten Orden, der Pfarrer von Trudering, Anton Kothieringer, der Geistl. Rat Johann Gottschalk, Pater Pirmin Ziegelmüller, Kaplan und Dominikaner, Aloisia Leiseder, die Pfarrschwester, Katharina Sgoff, die Haushälterin und Ottilie Schwaiger, die Mesnersfrau. Bei diesem Angriff am 13. Juni starben darüber hinaus in München weitere 252 Personen ausschließlich in Luftschutzräumen, in denen sie Zuflucht gesucht hatten.

Als Kriegskind erlebte ich eine schwere Zeit, deren Bedeutung und Gefahren ich aber noch nicht verstehen konnte, deren Auswirkungen auf meine spätere Entwicklung jedoch noch lange Zeit deutlich spürbar waren.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 03.03.2003

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