Das Kripperl

Mitten in der Münchner Altstadt, gleich in der Nähe des Löwenturms, dort, wo das Rosental seinen Anfang nimmt, befand sich bis zum Jahre 1938 das jüdische Kaufhaus Uhlfelder. Die Leute kauften dort gerne ein; denn Preis und Qualität stimmten stets überein. Die kleineren Artikel auf den Verkaufstischen und in den Regalen waren nach Preisen sortiert, die damals schon immer einen Pfennig weniger als die ganze Mark betrugen. Sie fingen bei 99 Pfennig an und stiegen weiter auf 1,99 Mark, 2, 99 Mark ... usw. So kostete eine Spielzeuglokomotive zum Aufziehen, die meine Schwester bekam, 99 Pfennig. Als meine Eltern 1926 geheiratet hatten, kauften sie beim Uhlfelder für ihr erstes gemeinsames Weichnachten ein Kripperl um 2,99 Mark. Nichts besonderes - der Stall, hergestellt aus geschwärztem Pappdeckel und die Figuren aus Pappmaschee - sind heute jedoch eine Rarität und für mich eine liebenswerte Erinnerung an meine Kindheit. Wie meinen Augapfel hüte ich dieses Kripperl bis auf den heutigen Tag, nachdem es bei unserem Umzug, der schon wieder ein halbes Jahrhundert zurückliegt, den hl. Josef und von den hl. Drei Königen den schwarzen Kaspar "derbröselt" hatte. Da wir den Schaden erst am Hl. Abend bemerkten, wo schon alle Läden zu hatten, musste die hl. Maria ein Weihnachten lang allein vor dem Kindl in der Krippe knien, bis ich im nächsten Jahr auf dem Kripperlmarkt rechtzeitig nach einem neuen hl. Josef und einem Ersatzkönig, die in Größe und Aussehen auch dazupassten, Ausschau hielt.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 03.01.2003

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