Kripperl bau'n

In den Wochen vor Weihnachten verwandelte sich unser Klassenzimmer an den Dienstagnachmittagen zusehends in eine Himmelswerkstatt. Wenn der erste Schnee am Boden liegen blieb und die Landschaft verzauberte, wurde drinnen gesägt, gebohrt, ausgeschnitten, geleimt, bemalt ... , und wie die Engerl waren wir Kinder so eifrig bei der Arbeit, dass uns nicht einmal mehr Zeit zum Schwätzen blieb. Von unserem Lehrer, den wir etwas respektlos nur Sepp nannten, weil er mit seinem Familiennamen so hieß, bekamen wir eine Vorlage, auf der verschiedene Figuren für eine Krippe abgebildet waren. Wir pausten sie mit einem harten, scharf gespitzten Stift auf ein dünnes Sperrholzbrettl durch und sägten sie sorgfältig aus. Damit das feine Sägeblatt, das in den Laubsägebogen eingespannt war, nicht zu heiß wurde und reißen konnte, rieben wir es immer wieder mit einem Stückchen Seife ein, um es geschmeidig zu halten. Wir hatten nur ein paar Reserveblätter, und mit denen mussten wir sparsam umgehen. Auch war es wichtig, darauf zu achten, dass wir nicht in die Schulbank hineinsägten, was uns sicher eine Strafaufgabe, wenn nicht gar ein paar Tatzen eingebracht hätte.

Maria, Josef, Jesukindl, Ochs und Esel, Hirten und Schafe, die hl. Dreikönige mit ihrem Stern, entstanden nach und nach und wurden zum Anschauen lassen nebeneinander hingestellt, nachdem die kleinen Figuren Fußbrettchen erhalten hatten. Vorher aber rieb man alle Kanten mit feinem Schmirgelpapier ab, um anschließend die Farben aus dem Malkasten mit möglichst wenig Wasser so oft aufzutragen, bis das Holz gut zugedeckt war. Die hl. Maria kriegte ein rotes Kleid und einen blauen Umhang, der hl. Josef und die Hirten bekamen einen braunen oder grauen Mantel und den Schafen wurde ein weißes Wollkleid mit dem Deckweiß aus der kleinen Tube aufgemalt. Wenn eine Figur nicht aufs erste Mal so geworden war, wie man gemeint hatte, konnten die Farben mit Wasser und feuchtem Läppchen wieder abgewaschen werden, behutsam allerdings, weil sich sonst das Sperrholz aufzog. Um die angemalten Figuren mit einem weichen Pinsel hernach gleichmäßig zu lackieren, musste man die Farben gut trocknen lassen. Von einer Schuhschachtel, in der ein winziges Stück Landschaft entstand, wurde eine Längswand herausgetrennt und der Boden mit einer dünnen Moosschicht ausgelegt. Ein Silberpapierl aus Vaters Zigarettenschachtel, von dem ich vorher die weiße Papierschicht mit Wasser abgelöst hatte, sollte den See oder zumindest einen Weiher darstellen. Ein Holzstoß neben dem Stall mit rot angestrichenen Zündholzsteckerln diente als Hirtenfeuer. Die Innenwände des Kartons aber wurden mit einem schwarzen, etwas festem Papier, wie man es auch beim Scherenschnitt verwendet, überzogen, und es entstand ein Nachthimmel, an dem der Mond aufgegangen war und die goldenen Sternlein beim Schein der Kerzen prangten - “hell und klar”, wie bei Matthias Claudius seinem schönen Abendlied, das wir damals gerade gelernt hatten. Der kleine Stall aus Pappendeckel bekam ein Dach mit lauter Strohhalmen, die noch von der Milchspeisung her stammten, und die Außenwände waren mit winzigen Schindeln aus zusammengeschnittenen Zündholzschachteln verkleidet.

Niemals vergesse ich dabei den 23. November 1953, jenen Sonntagabend, an dem ich daheim an der Krippe herumgebastelt hatte. Pötzlich wurde mir furchtbar schlecht, und ich bekam Bauchkrämpfe. Nach einer schlaflosen Nacht stellte Dr. Allwein, der immer sofort da war, wenn man ihn brauchte, eine akute Blinddarmentzündung fest, die noch am gleichen Tag operiert werden musste. Rechtzeitig zum hl. Abend wurde das Kripplein dennoch fertig, und ich durfte es neben unsere Hauskrippe, als sogenannte “Zweitkrippe”, unter den Christbaum stellen. Damit hatte ich gleich ein Geschenk für meine Eltern.

Hans Lehrer